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Wie wird man eigentlich Reifentester? Angelo Pérez Riemer ist seit neun Jahren bei Continental Experte für so genannte subjektive Reifentests – Tests, bei denen vor allem geschulte Sinnesorgane entscheidend sind. Er erzählt, worauf es in seinem Beruf ankommt – und warum man am Wochenende besser nicht ins Hardrock-Konzert geht. |
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Herr Pérez Riemer, wie wird man Reifentester? Man geht ja nicht von der Schule ab und absolviert eine Lehre oder gar ein Studium als Reifentester. Sicher nicht. Vor allem muss man Benzin im Blut haben, ganz klar. Und ein analytisches Interesse. Beim Fahrversuch interessiert vor allem die Schlüsselfrage: Was kann man an einem Fahrzeug oder einem Reifen optimieren, damit sich die Eindrücke, die man beim Fahren gewinnt, verändern. Was für den Einstieg in den Job hilft, ist ein abgeschlossenes Studium, zum Beispiel im Bereich Maschinenbau, dazu auch eine Kfz-Ausbildung. Ich selbst habe Diplomökonomie studiert und einige Aufbaustudien in der Fahrzeugtechnik und parallel einen Gesellenbrief in einer Restaurationswerkstatt gemacht. Zum Fahrversuch bin ich durch ein Praktikum bei Ford gekommen, wo ich durch einen Zufall gleich bei einer Fahrzeugbegutachtung mitmachen durfte. Wenn es um subjektive Bewertungen von Fahreigenschaften geht, ist der Kreis der Experten - der Fahrer - meist recht klein. In dem Fall waren sogar Jackie Stewart und Nigel Mansell eingekauft worden. Ich lag mit meinen Testergebnissen dann so gut im Durchschnitt der Experten, dass dies meinen Einstieg bedeutete. Was reizt Sie an dem Beruf? Im Prinzip geht es doch nur im Kreis, ohne dass am Ende die Champagnerdusche auf einen warten würde. Darum geht es nicht. Ein Kollege sagte mal: „Schnell fahren kann jeder. Schön fahren nicht.“ Darin steckt viel Wahrheit. Es reicht nicht, eine schnelle Rundenzeit zusammen zu hämmern. Es gibt viele Rennfahrer, die einem das billiger machen, sage ich mal etwas überspitzt. Als Fahrzeugtester muss man während des Fahrens am Limit, im Grenzbereich, so ruhig und aufmerksam sein, dass man sich von dem, was man da gerade tut, gar nicht ablenken lassen darf. Gerade der Reifentest ist eine sehr interessante Variante des Fahrversuchs. Dabei hat man als Tester die Möglichkeit, eine besonders breite Palette an Fahrzeugmodellen zu fahren, zumindest hier bei der Conti. Wenn man für einen Fahrzeughersteller arbeitet, dann arbeitet man meist nur mit einem Modell, und danach mit der neuen Variante des Modells. Bei Continental fährt man morgens zum Beispiel einen Versuch auf einem Polo und beschließt am Abend den Tag mit einem Versuch im Porsche. Motorsport hingegen, weil Sie die Champagnerdusche ansprechen, hat mich nie sonderlich interessiert. Wann haben Sie denn das erste Mal gemerkt, dass Sie „Benzin im Blut“ hatten? Haben Sie schon früh Ihr Mofa aufgebohrt? (lacht) Ich hatte immer schon ein Faible für alte Autos, an denen ich dann auch dieses oder jenes über die Zeit verändert habe, klar. Wobei ich aber nicht ein übermäßig passionierter Bastler gewesen wäre, der jedes Wochenende unter seinem alten Ford Taunus gelegen hätte. Mir ist bei ganz anderer Gelegenheit aufgefallen, dass ich offenbar ein Talent für die Beurteilung von Fahrverhalten habe: im Taxi. Ich merke sofort, wenn etwa ein Radlager kaputt oder die Aufhängung vorne rechts locker ist. Wenn ich aber den Taxifahrer frage „Hören Sie das nicht?“, dann ist die übliche Antwort „Nö“. So habe ich festgestellt, dass ich wohl Dinge mitbekomme, die andere nicht merken. Ein gewisses Grundtalent gehört dazu, genauso wie bei einem Fußballer. Aber vieles ist auch erlernbar, durch jahrelange Erfahrung. Wie schulen Sie Ihr Ohr neben dem Job? Nutzen Sie weiterhin Taxis? Nein, nein, ich habe meinen eigenen Wagen, einen alten Porsche. Was man als Reifentester aber nicht unbedingt machen sollte, ist jedes Wochenende in einer Disko sechs Stunden vor einer Bassbox bei 110 Dezibel zu stehen. Denn gerade auch so genannte Komforttests, bei denen es zum Beispiel um das Dämpfverhalten der Reifen in Verbindung mit der Fahrwerksituation am Fahrzeug geht, um akustische Wahrnehmungen also, sind sehr wichtig für unsere Kunden. Jede Profiländerung etwa bei einer neuen Reifengeneration bewirkt eventuell große Geräuschunterschiede, die man nur über subjektive Tests bewerten kann, also Tests, bei denen in diesem Beispiel vor allem auch die Ohren der Tester entscheiden. Wie vermitteln Sie das Gehörte? Wie beschreiben Sie, wie der betreffende Reifen klingt? Die Kunst ist, das Gehörte mit einem Wort zu beschreiben, das dem Geräusch möglichst entspricht. Daher haben wir vor längerer Zeit ein genormtes Vokabular eingeführt. Dafür haben wir alle Phänomene, die auftreten können, mit einem Kunstkopf gemessen, einem akustischen Gerät, das dem menschlichen Gehör entspricht. So haben wir jedes wichtige Geräusch mit einem Begriff belegt, der messbar nachvollzogen werden kann. Wir haben jetzt eine Geräuschdatenbank, in der jedes mögliche Geräusch hinterlegt ist. Was wären solche Begriffe? Singen? Schmatzen? Nein, Singen gibt es nicht mehr. Begriffe wären zum Beispiel Profilgeräusch und Turbinengeräusch, da wurden die Ursachen als Geräuschbegriff gewählt. Aber nach wie vor gibt es Worte wie Wummern, Grummeln, Dröhnen – das sind Begriffe, die jeweils einem ganz klar definierten Frequenzbereich entsprechen und die wir Tester natürlich alle abrufbar im Kopf haben. Dann wissen unsere Entwicklungsingenieure sofort, was sie verändern müssen, um den Reifen zu optimieren. Offenbar braucht man für den Job ein gutes Gehör. Sind Sie auch sonst ein sensibler Mensch? Sensibel? Weiß ich nicht (lacht). Aber zumindest sensitiv nicht völlig stumpf. Haben Sie auch sonst im Alltag ein gutes Ohr? Definitiv. Bei Konzerten merke ich sofort, wenn die Drums marginal falsch getaktet sind. Jeder Fehler im Timbre der Stimme, so etwas entgeht mir nicht. Da sind andere vielleicht nicht so sensibilisiert. Ist das die Last des Berufs? Können Sie Konzerte überhaupt noch genießen? Kommt darauf an. Ich höre ja alles Mögliche, von Klassik über elektronische Musik bis zu deutschem Hiphop. Wenn die Musik handwerklich gut gemacht ist, kann ich sehr wohl genießen. Bei Krimis oder Actionfilmen achten Sie vermutlich besonders auf Verfolgungsjagden und quietschende Reifen? Also, Verfolgungsjagden… Gut, dass Sie das ansprechen. Seit zehn oder 15 Jahren nämlich habe ich keine gute Verfolgungsjagd in einem neuen Film gesehen. Irgendwie haben entweder die Filmemacher das verlernt oder es merkt einfach keiner mehr, keine Ahnung. Eine gute Verfolgungsjagd ist in „Bullitt“ mit Steve McQueen zu sehen, da stimmt jede Kameraeinstellung. Da wird einfach drauf gehalten, man kann sehen, was das Auto macht. Auch die „Bandit“-Filme mit Burt Reynolds sind gut, superlange Kameraeinstellungen, die zeigen, was während der Verfolgung passiert. Heute gibt es nur noch schnelle Schnitte und Finger in Großaufnahme, die auf eine Nitroeinspritzung drücken. Totaler Quatsch, wirklich. Was sind, außer einem guten Gehör, die Grundvoraussetzungen für Ihren Beruf? Man muss einfach Lust dazu haben, sich im Detail mit dem Phänomen des Fahrens auseinanderzusetzen. Man muss jedes Feedback, das man vom Auto bekommt, analytisch untersuchen. Das „Popometer“, wie wir sagen, muss gut funktionieren. Wenn ich zum Beispiel die Bremse unterhalb vom Regelbereich in einer bestimmten Art und Weise betätige, dann weiß ich, was für Reaktionen kommen können und wie die zu beurteilen sind. Die Erlebnisse müssen dann in eine genormte Form gebracht werden, so dass alle sie verstehen. Müssen Sie morgens vor der Fahrt meditieren, um sich zu fokussieren? Nein. Man muss sich aber ganz simpel immer nur auf die nächste Aufgabe fokussieren können. Wenn man 15 Bewertungsdisziplinen abzuarbeiten hat, dann ist immer nur die Nächste die Wichtigste. Punkt für Punkt abhaken, und dann nicht mehr daran denken. Nur daran erinnern. Wie viel Zeit verbringen Sie jeden Tag im Auto? Rund vier bis fünf Stunden, würde ich sagen. Bei uns im Bereich subjektive Tests entfallen etwa 60 Prozent der täglichen Arbeit auf das tatsächliche Testen hinter dem Lenkrad. Wir sind ja mehr als nur Tester, wir sind auch Berater für die Entwicklungsabteilungen. Wir sind fast alle Ingenieure, die analytisch denken müssen und deren Urteil sehr wichtig ist, weil unsere Ergebnisse nicht wirklich überprüfbar sind. Man muss sich auf unser Urteil hundertprozentig verlassen können. Neben der Fahrtätigkeit ist vor allem auch die Kommunikation der Ergebnisse wichtig. Und bevor gefahren wird, muss geklärt werden, was überhaupt getestet werden soll. Wenn beispielsweise ein 14-Zoll-Reifen für den englischen Markt getestet wird, dann hat so ein Produkt marktspezifische Anforderungen, die wir Tester kennen und die wir dann in ein entsprechendes Testprogramm übersetzen. Woher kommt Ihr Fahrinteresse? Haben Sie früher als Junge mit Autos gespielt? Das Interesse war immer schon da, klar habe ich mit Autos gespielt! Auto war mein erstes Wort. Und wird vermutlich auch mein letztes sein (lacht). Rückfragen an: Alexander Lührs Leiter Öffentlichkeitsarbeit Pkw-Reifen Continental AG Büttnerstraße 25 , 30165 Hannover Tel.: +49 (0) 511 938 2615 Fax: +49 (0) 511 938 2455 E-Mail: alexander.luehrs@conti.de Internet: www.conti-online.com |
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