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Gibt es eine Zukunft ohne Verkehrsunfälle? Moderne Automobile werden mit immer besseren Fahrer-Assistenzsystemen ausgerüstet, die den Fahrer in kritischen Situationen unterstützen – und ihn aber auch entmündigen? James Remfrey, Leiter Technology Placement and Benchmarking in der Division Chassis and Safety bei Continental, über die künftige Beziehung zwischen Fahrzeug und Fahrer. |
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Continental hat ein großes Ziel formuliert, „Vision Zero“. Ist eine automobile Zukunft ohne Unfälle tatsächlich realistisch? Autofahren ist immer ein komplexes Szenario, eine Verkettung von vielen Parametern, bei denen der Mensch eindeutig das schwächste Glied ist. Unser Ziel ist es, mit unseren Technologien, über die Reifen und über aktive Fahrdynamikregelsysteme, Unfälle zu verhindern. Und wenn es doch zum Unfall kommt, so helfen passive Sicherheitssysteme, das Verletzungsrisiko im Fahrzeug auf ein Minimum zu reduzieren. Ob es in Zukunft überhaupt noch Unfälle geben wird, das hängt von vielen Faktoren ab. Wie genau wollen Sie die „Schwachstelle Mensch“ in Zukunft überbrücken? Wir sehen uns als Unternehmen, das viel zur Sicherheit im Straßenverkehr beiträgt, in der Position des unsichtbaren Beifahrers. Wir schauen quasi dem Fahrer zu und registrieren alle seine Fahrhandlungen. Wenn wir das Gefühl haben, da stimmt etwas nicht, dann unterstützen wir den Fahrer in dieser Situation. Wie ist der Abstand zum Vordermann? Lenkt der Fahrer entsprechend der Verkehrssituation? Reagiert er auf ein Hindernis? Dafür entwickeln wir unsere Assistenzsysteme immer weiter, Systeme wie zum Beispiel ACC (Adaptive Cruise Control), ESC (Electronic Stabilty Control), Notbremssysteme, Spurhaltesysteme (Lane Departure Warning), … . Es geht darum, die Schärfe einer Situation möglichst schon im Vorfeld herauszunehmen, bevor ein mögliches Unglück passiert. Am besten ist es, wenn der Fahrer dann reagiert und denkt „Wie toll habe ich das gerade gemacht“ – ohne zu merken, wie die Systeme im Hindergrund ihn unterstützt haben. Das ist der heutige Stand. In Zukunft wollen wir mehr Autonomie für technische Assistenzsysteme. Zum Beispiel geht es darum, in besonders kritischen Situationen ein autonomes Bremsen einzuleiten, wenn der Fahrer nicht reagiert. So ließen sich viele schwere Unfälle vermeiden. Schon heute gibt es Systeme, die uns helfen, die Spur zu halten, im Nebel zu sehen, nicht über durchgezogene weiße Linien zu fahren – und dennoch baut der Mensch Unfälle. Was fehlt noch? Es gibt viele Ansätze, das Fahren immer sicherer zu machen. Wir haben bei Continental den Begriff „Conti Guard“ als Synonym dafür gewählt. Conti Guard steht dafür, alle Sicherheitssysteme im Fahrzeug so zu vernetzen, dass ein optimales Bild der Fahr- und Verkehrssituation entsteht. Alle aktiven Systeme sind, wie auch die Systeme der passiven Sicherheit, also beispielsweise Airbags, Gurtstraffer und Fußgängerschutzsysteme, auf eine reibungslose Kommunikation angewiesen. Umfeld-Sensorik ist dabei ein wichtiges Stichwort: Wie sieht die Straße aus? Welche Verkehrszeichen sind zu beachten? Was machen die anderen Verkehrsteilnehmer? Sensorfusion ist ein weiteres wichtiges Themenfeld, bei dem es darum geht, die vielfältigen Informationen von Radar-, Infrarot- und Kamerasensoren in ein angemessenes, schlüssiges Verhalten des Fahrzeugs zu übersetzen. Für die Zukunft gewinnt im Rahmen von Conti Guard auch das Thema Sicherheits-Telematik an großer Bedeutung, wenn also die Fahrzeuge miteinander kommunizieren lernen (car-to-car-Komunikation). Inwiefern erhöht das die Sicherheit im Verkehr? Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Wenn ich im Winter auf einer Landstraße unterwegs bin und bei einem Fahrzeug weit vor mir greift das ESC ein, um ein Schleudern auf vereister Fahrbahn auszugleichen, dann würde mein Fahrzeug bei einer geeigneten Car-to-Car-Kommunikations-Schnittstelle eine Warnung erhalten. Der nachfolgende Verkehr also kann sich auf eine noch gar nicht zu sehende Gefahrensituation vorbereiten. Dieses Jahr wird ein groß angelegter Testlauf solcher Systeme im Rhein-Main-Gebiet starten, SIM-TD genannt, das steht für Sichere Intelligente Mobilität, Testfeld Deutschland. Es haben sich viele große Fahrzeughersteller mit uns als Automobilzulieferer zusammen getan, um eine geeignete Car-to-Car-Kommunikation zu erproben. Herzstück ist dabei eine Telematics Control Unit (TCU). Das ist die Einheit, über die all die Informationen ins Auto übertragen werden, über die zum Beispiel das Signal empfangen wird, dass hinter der nächsten Kuppe ein schwerer Unfall passiert ist, sodass sofort die Geschwindigkeit reduziert werden sollte. Wie viele Fahrzeuge sollen für diesen Feldversuch mit der neuen Technik ausgestattet werden? Wir planen mit 300 Fahrzeugen, um relevante Ergebnisse erzielen zu können. Wir befinden uns mit dieser Forschung ganz im europäischen Trend. Dieses Jahr plant die Europäische Union, das Thema „eCall“ weiter voranzutreiben. Das ist ein System, durch das bei einem Unfall, wenn die Airbags ausgelöst werden, automatisch ein Signal an den Rettungsdienst ausgesendet wird. Auch hier ist eine Telematik-Einheit das wesentliche technische Bauteil. Man kann heute prognostizieren, dass diese Technologien in naher Zukunft ihren Weg in die Fahrzeuge finden werden. Je mehr dieser Fahrzeuge sich im Verkehr befinden, desto wirkungsvoller ist so ein System. Eine Studie hat ergeben, dass 2013 rund drei Milliarden Euro für Assistenzsysteme ausgegeben werden, heute sind es erst 150 Millionen. Wie beurteilen Sie den Trend zum immer intelligenteren Auto? Wird das Auto bald einen höheren IQ haben als sein Fahrer? Wenn man sich die Entwicklung der Unfallzahlen der vergangenen Jahre anschaut, dann beobachtet man einen sehr positiven Trend. In den siebziger Jahren gab es mehr als 20.000 Tote jährlich im Straßenverkehr in Deutschland. Heute haben wir „nur noch“, wobei man das in dicke Anführungszeichen setzen muss, 5.000 Tote auf Deutschlands Straßen pro Jahr, und das bei mittlerweile fast 50 Millionen Fahrzeugen. Die Fahrzeuge sind sicherer geworden, was die Knautschzonen und die Fahrgastzelle anbelangt. Aber gerade auch neue Assistenzsysteme haben dazu beigetragen. ESC steht heute auf Platz zwei hinter dem Sicherheitsgurt bei den Fahrzeug-Technologien, die Verletzungen vermeiden helfen. In Deutschland sind heute bereits rund 70 Prozent aller Neuwagen mit ESC ausgerüstet. Der Mensch ist ganz klar das schwächste Glied in der Verkehrskette. Die Schrecksekunde dauert wirklich eine Sekunde. Wenn man mit 100 km/h unterwegs ist, haben Sie in dieser ersten Sekunde auf 30 Metern ein ungebremstes Fahrzeug, bevor der Fahrer überhaupt reagiert. Unser Ziel ist es, mit Conti Guard auch in dieser ersten Sekunde aktiv zu werden, um wertvolle Meter Bremsweg nicht zu verlieren. Aber deshalb würde ich nicht sagen, dass das Auto intelligenter wird als der Fahrer. Intelligenz ist ja ein weiter Begriff. Im Hinblick auf das Erkennen von Gefahren und eine entsprechende Reaktion darauf ist das Auto dem Fahrer aber ganz deutlich überlegen. Wer hat dann in Zukunft die Oberhand über das Auto? Fahrer oder Fahrzeug? Der Pilot bleibt ganz klar der Fahrer. Wobei es Situationen geben wird, wo das Auto autonom reagiert und beispielsweise eine Bremsung einleitet, also nicht nur eine Warnung abgibt und dann auf die Reaktion des Fahrers wartet. Es gibt Momente, da sagen wir: Das Auto ist intelligenter als der Fahrer. Beispiel ASR, Antischlupfregelung. Wenn er den vereisten Berg nicht hinaufkommt, ist der Mensch mit dieser Aufgabe überfordert. Er gibt immer mehr Gas, die Situation wird immer vertrackter, und trotz guter Winterreifen von Continental bleibt man am Hang hängen. Nur durch gezieltes Abbremsen der durchdrehenden Räder und gleichzeitiges Reduzieren des Motormoments wird das Auto den Berg hochkommen. Das ist autonom, da unterstützen wir aktiv. Ohne jetzt zu philosophisch werden zu wollen, aber wird der Fahrer dabei nicht letztlich entmündigt? So würde ich es nicht ausdrücken. Es geht darum, in welchem Umfang man den Fahrer bei seinem Unterfangen unterstützt, sicher von A nach B zu kommen. Da hat jeder Autohersteller seine eigene Philosophie. Es gibt Fahrzeughersteller, die wollen, dass ihre Fahrer in bestimmten Situationen nicht überfordert werden, da werden die Assistenzsysteme sicherlich früher eingreifen und das Fahrzeug kommoder bewegen als dies bei Fahrzeugen der Fall ist, die von einer eher sportlichen Klientel gefahren werden. Bei sportlicher ausgerichteten Fahrzeugen wird zum Beispiel das ESC erst etwas später eingreifen, um das Fahrzeug sicher auf der Straße zu halten. Mit der Software kann man das Fahrzeug tunen und dem Fahrer so in unterschiedlichen Abstufungen das Gefühl vermitteln, er sei noch immer in command. Wie das im Verkehr der Zukunft aussehen wird, ob ein Auto zum Beispiel bei einem Tempo-100-Schild automatisch die Geschwindigkeit drosselt oder nicht, das kann man heute noch nicht sagen. Das geht in den Bereich der Politik. Technisch möglich wird es sein. Welche Rolle spielen künftig Reifen für die Sicherheit? Entsprechende Reifen sind essentiell wichtig für den Erfolg solcher Systeme. Die Reifen bringen die Kräfte des Automobils auf die Straße. Neue Fahrzeugassistenzsysteme können helfen, das Autofahren sicherer zu machen. Doch die Eingriffe der Systeme in das Fahren, ob ABS oder Bremsassistent, werden immer über die Reifen auf die Straße übertragen. Reifen sind als wesentliche Unfallverhinderungskomponente sehr stark in unserem Fokus. Daher wird viel getan, um zum Beispiel intelligente Reifendruckkontrollsysteme weiter zu entwickeln und die Reifen so mit dem Fahrzeug zu vernetzen. Den Reifen mittels eines optimalen Luftdrucks in einem sicheren Zustand zu halten, ist unabdingbar für den Erfolg aller anderen Fahrzeugstechnologien. Wird es in 30 Jahren noch die Verkehrsnachricht geben: „Achtung, Unfall auf der A7, bitte weichen Sie aus auf die Umleitung…“? Die wird es wohl noch geben. Es wird eine große Durchdringung des Verkehrs mit neuen Assistenzfunktionen geben, ganz klar. Aber eine vollständige Vermeidung von Unfällen ist doch eher eine Vision als ein planbares Szenario. Solange der Mensch hinter dem Steuer sitzt und etwa trotz aller Warnungen, die sein Auto ihm geben wird, angetrunken in falscher Richtung auf die Autobahn fährt, haben wir ein Problem. Aber auch hier gibt es natürlich Ansätze, so etwas zu vermeiden, etwa mittels Alkoholdetektoren, die eine Fahrt unter Einfluss von Alkohol vermeiden könnten. Genaue Prognosen über eine Unfallwahrscheinlichkeit in der Zukunft kann man leider nicht machen. Rückfragen an: Alexander Lührs Leiter Öffentlichkeitsarbeit Pkw-Reifen Continental AG Büttnerstraße 25 , 30165 Hannover Tel.: +49 (0) 511 938 2615 Fax: +49 (0) 511 938 2455 E-Mail: alexander.luehrs@conti.de Internet: www.conti-online.com |
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