Februar 2008: "Schwarz sieht einfach gut aus"

Eigentlich könnten Autoreifen rot, grün oder blau sein. Holger Lange, Leiter Materialentwicklung für Pkw-Reifen bei Continental, erklärt, warum Reifen dennoch nur schwarz über die Straße rollen – und warum bunte Reifen in Los Angeles sogar verboten sind.

ContiSoccerWorld: Herr Lange, Automobile gibt es in allen denkbaren Farben. warum sind Reifen eigentlich ausschließlich schwarz?

Holger Lange: Traditionell sind Reifen schwarz wegen ihres Russanteils im Gummi. Wobei die ersten Reifen-Generationen ja ursprünglich überhaupt nicht schwarz waren. Früher waren Reifen bräunlich, bedingt durch die Farbe des Naturkautschuks. Ich kann mich erinnern, dass während meines Chemiestudiums in der ersten Vorlesungsstunde des Kurses „Organische Chemie“ uns der Professor, ein älterer Herr, ganz stolz das erste Auto mit Gummireifen gezeigt hat, ein Fahrzeug von Kaiser Wilhelm. Auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto war zu erkennen, dass die Reifen nicht schwarz, sondern hell waren, das hat mich damals erstaunt. Das waren eben Reifen, die hergestellt worden waren, bevor der Rußes in die Reifenproduktion eingeführt wurde. Ruß kam erst 1926 dazu, und das führte dazu, dass die Reifen schwarz wurden. Wobei die Farbe nur ein Nebeneffekt war, Ruß machte das Gummi vor allem geschmeidig, abriebsfester und langlebiger. Denn die Fahrzeuge wurden schneller, und damit mussten natürlich auch die Reifen höheren Ansprüchen genügen. Das war ein erster Meilenstein in der Reifenentwicklung.

ContiSoccerWorld: Heute verwendet man hauptsächlich Silica anstatt Ruß, um das Gummi geschmeidig zu machen. Könnte man somit nicht eigentlich auch bunte Reifen produzieren?

Holger Lange: Das ist richtig. Bis in die neunziger Jahre war Ruß technisch ein Muss, um entsprechend abriebsfeste Reifen produzieren zu können. Heute können wir Ruß soweit durch Silica ersetzen, dass Reifen tatsächlich nicht mehr zwangsläufig schwarz sein müssten. Ein Anteil von zwei bis drei Prozent Ruß macht den Reifen erst schwarz, das ist aber technisch nicht mehr unbedingt nötig. Man könnte im Prinzip Reifen ohne Ruß herstellen, das hätte keine Auswirkung auf ihre Leistungsfähigkeit. Silica selbst ist farblos, man könnte der Gummimischung also jede denkbare Farbe beimischen und somit auch bunte Reifen produzieren.

ContiSoccerWorld: Warum wird das nicht gemacht? Auf der Straße sieht man nach wie vor nur Schwarz.

Holger Lange:Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen bräuchte man Reifen jeweils in den passenden Farben der einzelnen Autohersteller. Und heute hat jeder Hersteller seine eigenen, sehr vielseitigen Farbpaletten, das würde für uns eine so hohe Vielfalt von Reifen bedeuten, dass die Herstellung in Serie viel zu teuer wäre. Auf der anderen Seite kann man einen Reifen nicht einfach lackieren. Es reicht auch nicht, nur die äußeren Gummischichten einzufärben. Das würde nicht lange halten, und ein roter Reifen müsste ja auch noch nach 5.000 und 50.000 Kilometern so schön rot aussehen wie am ersten Tag.

ContiSoccerWorld: Könnte man nicht für Einzelserien das Gummi komplett einfärben?

Holger Lange:Das ist möglich, klar. Wir produzieren zum Beispiel bereits farbige Fahrradreifen. Für das Team Telekom seinerzeit wurde zum Beispiel eine Kollektion von magentafarbenen Reifen hergestellt. Es gibt heute Fahrradreifen in allen möglichen Farben. Um aber farbige Autoreifen herzustellen, ist ein immenser Aufwand nötig. Gleich vor meinem Büro im Flur steht übrigens ein grüner Reifen, ein Prototyp. Aber um so einen zu produzieren, müssen die Gummimischungen der einzelnen Reifenkomponenten durch und durch eingefärbt werden, also der Laufstreifen, die verschiedenen Gummimischungen der Seitenwand, den Wulst… Diese Gummimischungen, die ja nach unterschiedlichen Rezepturen hergestellt werden, müssten alle exakt die gleiche Farbe haben, die Rezepte müssten alle im Prinzip neu geschrieben werden.

ContiSoccerWorld: Aber wenn ein Autohersteller bereit wäre, den Aufwand entsprechend mit zu tragen?

Holger Lange:Machbar ist alles. Aber man muss sich vor Augen führen, dass es auch produktionstechnisch eine große Umstellung ist, das kann man eigentlich nur in den Sommerferien machen, wenn die Reifenproduktion naturgemäß etwas heruntergefahren wird. Man muss dafür die gesamte Fabrik gewissermaßen auf null setzen. Alle Gummi verarbeitenden Maschinen müssen geleert werden und dann mit der farbigen Variante bestückt werden. Und hinterher dann umgekehrt, man kann ja keine Übergangsfarben produzieren. Wir wollen nicht, dass zum Beispiel die nächste Winterreifen-Produktion einen leichten Grünstich bekommt (lacht). Und selbst wenn man eine grüne Serie produziert, wie wir es ja gemacht haben, sind nicht alle Probleme beseitigt. Der grüne Reifen bei uns im Flur offenbart schon jetzt ein großes Problem farbiger Reifen. Er steht dort etwa seit einem halben Jahr, und man sieht bereits, wie sich das Grün verfärbt.

ContiSoccerWorld: Tatsächlich? Ist die Herstellung farbiger Reifen also noch nicht ausgereift?

Holger Lange:Das kann man so nicht sagen. Im Prinzip soll sich der Reifen sogar verfärben. Der Effekt kommt daher, dass ein Reifen ja über seine komplette Lebensdauer den widrigsten Umständen trotzen muss. Er steht in der Sonne, ist ständig mit Luft in Kontakt, die Ozon enthält, muss eventuell kalte Temperaturen klaglos ertragen. Deswegen sind dem Gummi eines jeden Reifens spezielle Alterungs- und Ozonschutzmittel beigefügt. Die Ozonschutzmittel zum Beispiel sind leicht bräunlich, und sie sollen im Laufe der Zeit nach und nach an die Oberfläche des Reifengummis kommen, um den Reifen zu schützen. Das funktioniert durch Diffusion und durch die Walkarbeit des Reifens, wenn er gefahren wird. Dadurch aber verfärbt sich der Reifen an der Oberfläche leicht bräunlich. Das können Sie auch beim schwarzen Reifen beobachten. Wenn Sie schräg auf das Gummi schauen, können Sie manchmal eine leicht gelbliche oder bläuliche Verfärbung durch eben diese Schutzwachse erkennen. Nur, beim farbigen Reifen fällt das eben mehr auf, weil es diese Zusatzstoffe bislang nicht in den entsprechenden Farben gibt. Und dann sieht der Reifen irgendwann einfach nicht mehr schön aus.

ContiSoccerWorld: Und doch haben sich Reifenhersteller immer wieder an bunten Produkten versucht. Ein Wettbewerber hat vor ein paar Jahren tatsächlich grüne und blaue Varianten auf den Markt gebracht, die Produktion aber mangels Nachfrage wieder eingestellt. Will der Autofahrer vielleicht gar keine farbigen Reifen?

Holger Lange:Reifenkunden sind sicher sehr traditionell veranlagt. Der schwarze Reifen passt zu jedem Fahrzeug, schwarz sieht auch einfach chic aus. Das ist wie mit Schuhen, die meisten Menschen haben schwarze Schuhe an, rote oder grüne sieht man doch eher seltener. Außerdem ist Schwarz praktisch: Wenn Sie etwa mit einem schönen gelben Reifen durch den Dreck fahren, dann sieht der nicht mehr schön aus. Bei schwarzen Reifen hingegen fällt das nicht so auf.

ContiSoccerWorld: Aber er gibt doch Autofahrer, die mit ihren Fahrzeugen vorwiegend bei schönem Wetter aus der Garage fahren. Die würden sich vielleicht über ein paar bunte Hingucker in den Radkästen freuen. Wäre das kein Nischenmarkt?

Holger Lange:Ein amerikanischer Wettbewerber hat vor ein paar Jahren in Kalifornien tatsächlich mit Erfolg farbige Reifen auf den Markt gebracht. Das ist eine interessante Geschichte, ich war zu der Zeit gerade selber in Los Angeles. Mein Job als Leiter Technical Benchmark war es ja zu der Zeit, den Markt zu beobachten und zu sehen, welche Technologien die Wettbewerber einsetzen und was sich für neue Trends auftun. Die Reifen dieses Herstellers also gab es unter anderem wahlweise mit blauen und roten Laufstreifen. Und Blau und Rot sind nun aber zufällig auch die Farben von zwei Gangs in South Central L.A. Die haben ihre Gebiete dann mit den Reifen markiert, indem sie eine Vollbremsung quer zur Fahrbahn gemacht haben. Das war die Grenze, die der Gegner nicht überschreiten durfte. Die Straßen drüben sind zum Teil mit einem hellen Betonbelag versehen, die Markierungen konnte man also sehr gut sehen. Daraufhin hat der Bürgermeister von Los Angeles ein Verbot von diesen Reifen gefordert.

ContiSoccerWorld: Aus Marketing-Sicht sicherlich ein Super-Gau, oder?

Holger Lange:Das will ich gar nicht sagen. Es gibt ja die Hypothese, dass es keine guten oder schlechten Nachrichten gibt, sonder nur Nachrichten. Zumindest war der Reifen anschließend in ganz Amerika bekannt, was für die Marke an sich nicht schlecht gewesen sein kann. Wobei man solche Geschichten natürlich nicht vorhersehen kann und sicherlich auch nicht provozieren will.

ContiSoccerWorld: Sind nicht auch farbige Reifen immer wieder der Versuch, das uniforme Produkt Reifen unterscheidbar zu machen? Als Laie muss man schon genau hinsehen, ob man etwa einen Conti-, Michelin- oder Goodyear-Reifen vor sich hat.

Holger Lange:Ja und nein. Sicher spielt die Unterscheidbarkeit bei solchen Marketing-Überlegungen eine Rolle. Auf der anderen Seite aber ist doch das wichtigste Unterscheidungsmerkmal die Performance. Ein Reifen muss sicher sein, sehr gut bremsen und gleichzeitig einen möglichst niedrigen Rollwiderstand vorweisen… Und wenn ich sehr gute Ergebnisse kommunizieren kann und die Kunden zufrieden sind mit unseren Produkten, muss ich mich nicht mit Hilfe blauer Reifen vom Wettbewerber absetzen. Außerdem gibt es ja auch Unterscheidungsmerkmale im Design. Zum Beispiel beim Profil, jeder Reifen sieht anders aus, und auch in der Gestaltung der Seitenwand. Wir haben zum Beispiel ein spezielles sogenanntes „Moire-Design“ aus feinen Linien entwickelt, so dass man einen Continental-Reifen auch aus einiger Entfernung als solchen erkennen kann. Denn letztlich sehe ich auf der Straße ja hauptsächlich die Seitenwand eines Reifens, wenn Autos zum Beispiel am Straßenrand hintereinander parken. Es ist also vor diesem Hintergrund gar nicht nötig, Reifen rot, blau oder grün zu färben.

Rückfragen an:

Alexander Lührs

Leiter Öffentlichkeitsarbeit Pkw-Reifen

Continental AG

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