März 2005:
Interview mit Continental Partner Iker Casillas

Aus dem FIFA magazine März 2005: Von Sergio Levinsky

Seit 1990 steht Iker Casillas bei Real Madrid im Tor und gehört inzwischen zu den besten Torhütern der Welt. Der Spanier im Gespräch über Fussball und andere Leidenschaften.

FIFA magazine: Sie sind kaum 24-jährig und bereits einer der besten Torhüter der Welt. Wie beurteilen Sie Ihre Karriere?

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Casillas: Ich kann mich nicht beklagen. Rückblickend ist es optimal gelaufen. Ich habe zum Glück früh mit dem Fussball angefangen und in der Person von Vicente Del Bosque (ehemaliger Trainer von Real Madrid; Red.) einen grossen Förderer gehabt. Er hat an mich geglaubt und mich früh in die erste Mannschaft von Real Madrid integriert. Ihm habe ich meinen Erfahrungsschatz zu verdanken. Ich hoffe, es geht im gleichen Stil weiter.

FIFA magazine: Was ist das für ein Gefühl, Stammtorhüter von Real Madrid zu sein?

Casillas: Es ist Verantwortung und Belastung zugleich, da man unter ständiger Beobachtung und permanentem Erfolgsdruck steht. Für Real zählen nur Siege und Spitzenplatzierungen. Mit weniger gibt man sich hier nicht zufrieden.

FIFA magazine: In bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, haben Sie finanziell bereits ausgesorgt. Hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Casillas: Nein, eigentlich gar nicht. Ich führe nach wie vor ein ganz normales Leben, abgesehen davon, dass ich nicht aufs Geld achten muss. Mein Lebensstil unterscheidet sich nicht gross von demjenigen meiner Altersgenossen. Ich treffe mich mit Freunden in einer Bar, gehe ins Kino oder spazieren. Ich geniesse das Leben, so wie das alle tun.

FIFA magazine: Das Team von Real ist mit Superstars nur so gespickt ...

Casillas: Ja, das stimmt. Real Madrid zieht die besten Spieler der Welt magisch an. In den letzten Jahren war das noch ausgeprägter. Ich habe mich aber längst daran gewöhnt, an der Seite der Besten zu spielen.

FIFA magazine: Weil Sie inzwischen auch ein Superstar sind.

Casillas: Danke fürs Kompliment. Ich habe für den Erfolg hart und leidenschaftlich gearbeitet. Dank guter Leistungen stehe ich heute zu Recht ganz oben. Geholfen haben mir auch meine grosse Erfahrung und meine Verwurzelung im Klub. Ich bin mit den Mechanismen des Vereins bestens vertraut – ein Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist.

FIFA magazine: Ist das als Votum für die Nachwuchsförderung zu verstehen?

Casillas: Natürlich kann insbesondere ein Klub wie Real Madrid, der die weltweit besten Spieler anzieht, nicht ohne Neuverpflichtungen auskommen. Ebenso wichtig ist es jedoch, eigene junge Spieler, die mit dem Klub eng verbunden sind, in die erste Mannschaft zu integrieren.

FIFA magazine: Was ist zurzeit los mit Real Madrid? Wo ist die Konstanz der vergangenen Jahre geblieben?

Casillas: Ich weiss es auch nicht. Jedes Team fällt mal in ein Loch. Bei Real ist natürlich alles viel dramatischer: Von Krise ist die Rede, obwohl wir gar nicht so viele Spiele verloren haben. Aber so läuft das Mediengeschäft; überspitzte Aussagen verkaufen sich besser, damit muss man leben.

FIFA magazine: Ist dieses Urteil nicht etwas hart?

Casillas: Nein, das ist die Realität, die ich so akzeptiere. Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich meine Bekanntheit weitgehend den Medien zu verdanken habe. Deshalb beklage ich mich auch nicht, sondern akzeptiere die Medien so, wie sie funktionieren.

FIFA magazine: Einige sprechen vom Ende einer Ära und vom Beginn der Vorherrschaft des FC Barcelona. Teilen Sie diese Meinung?

Casillas: Ganz und gar nicht, aber ich respektiere natürlich die Meinung anderer. Auch hier gilt, solche Aussagen, die sich kaum belegen lassen, steigern die Auflage. Ich habe Vertrauen in dieses Team, das aus absoluten Spitzenspielern und etlichen FIFA-Weltfussballern besteht. Vom Ende einer Ära oder dem Niedergang der Spielkultur kann keine Rede sein. Wir stehen schlicht unter enormem Druck, dem wir nicht immer standhalten – auch wir sind nur Menschen. Wir werden aber auch in Zukunft ganz vorne mitmischen.

FIFA magazine: Sie sind eines der Markenzeichen von Real Madrid. Werden Sie je bei einem anderen Klub spielen?

Casillas: Sag niemals nie, doch ich hoffe nicht. Ich möchte immer hier bleiben und werde dafür alles tun, was in meiner Macht steht. Ich kam mit acht Jahren zu Real und bin immer noch Teil des Teams. Mir gefällt es hier sehr gut. Ich habe viele Titel gewonnen und hier grossartige Momente erleben dürfen. Um mich kursieren zwar immer wieder Wechselgerüchte, doch ich habe nicht vor, den Verein zu verlassen.

FIFA magazine: Selbst bei einem Topangebot?

Casillas: Geld spielt keine Rolle, für mich ist Real eine Herzenssache.

FIFA magazine: Schauen Sie sich Fussball auch gerne im Fernsehen an?

Casillas: Nicht wirklich. Ich bin nicht besessen vom Fussball und würde wegen einer Spielübertragung nie extra zu Hause bleiben. Wenn ich mir ein Spiel im Fernsehen anschaue, ist das eher Zufall. Ich schalte den Fernseher ein, zappe mich durchs Programm und bleibe bei einem Fussballspiel hängen, falls es gut ist. So geht das bei mir.

FIFA magazine: Was ist denn für Sie guter Fussball?

Casillas: Das hängt natürlich vom Team ab. Ich muss gestehen, dass mir der italienische Fussball überhaupt nicht gefällt. Ich bevorzuge die englische und spanische Spielweise, die viel dynamischer und kreativer ist. Der italienische Fussball ist sehr berechnend, dennoch gibt es dort grosse Spieler.

FIFA magazine: Wie erklären Sie sich angesichts der Stärke der spanischen Liga den mangelnden Erfolg Ihres  Nationalteams?

Casillas: Diese Frage stellen sich alle, natürlich auch die Spieler selbst. Irgendetwas läuft da schief.

FIFA magazine: Kann es sein, dass das Nationalteam im Schatten der Liga steht?

Casillas: Das ist möglich. In Argentinien und vor allem in Brasilien steht die Nationalmannschaft für die Spieler ganz klar an erster Stelle, vor der Liga und dem Klub. In Spanien ist es genau umgekehrt. Dies ist nicht eben leistungsfördernd, was natürlich schade ist.

FIFA magazine: Sie wurden 1999 in Nigeria Juniorenweltmeister. Was war das für ein Gefühl?

Casillas: Es war unbeschreiblich. Wir freuten uns riesig, da es für Spanien der erste Titel war. Ich war mit 17 Jahren noch sehr jung, die meisten meiner Mitspieler waren bereits 19. Trotzdem stand ich bei zwei Spielen im Tor. Das war ein grossartiges Erlebnis, insbesondere in diesem Alter.

FIFA magazine: Ihr Jahr war aber 2002, vor allem gegen Ende der Saison ...

Casillas: Das stimmt, obwohl es mir zu Beginn gar nicht lief. Ich sass fast ständig auf der Ersatzbank, so auch im Champions-League-Finale gegen Bayer Leverkusen in Edinburgh. Doch dann verletzte sich der damalige Stammtorhüter César, und ich wurde kurz vor Spielschluss eingewechselt. Mit einer Parade konnte ich den Ausgleich verhindern und Real so zum Sieg verhelfen. Bei der Weltmeisterschaft in Korea/Japan, bei der Spanien das Viertelfinale erreichte, gehörte ich dann zur Stammelf. Das geschah alles innerhalb weniger Tage und Wochen, es war einfach phänomenal.

FIFA magazine: Und seither sind Sie im Tor unangefochten die Nummer eins.

Casillas: Ich spiele zum Glück auf einem konstant hohen Niveau. Ich bin mit meiner Leistung wirklich sehr zufrieden.

FIFA magazine:Wer sind für Sie die besten Torhüter?

Casillas: Die beiden Jungen Frey (Frankreich) und Hildebrand (Deutschland) und dann natürlich Buffón, Kahn ...

FIFA magazine: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Casillas: Dass es so weitergeht wie bisher. Ich möchte so viele Titel wie möglich gewinnen und zu den besten Torhütern der Welt gehören. Ich hoffe zudem, dass die spanische Nationalmannschaft in Zukunft für positive Schlagzeilen sorgen wird.

FIFA magazine: Was werden Sie dereinst Ihren Enkeln erzählen?

Casillas: Dass ich ein grosser Torhüter war, der viele Jahre bei Real Madrid und in der spanischen Nationalmannschaft spielte und zu den Besten seines Fachs zählte.