DFB-Star der FIFA WM 1938: Fritz Szepan

Fußball unterm Hakenkreuz

Nach dem Uruguay 1930 und Italien 1934 die ersten beiden Weltmeisterschaften veranstaltet und gewonnen hatten, beschloss der Internationale Fußball-Verband (FIFA) anlässlich der Olympischen Sommerspiele von Berlin, die WM 1938 an Frankreich und 1942 an Deutschland zu vergeben.

Aber die politische Großwetterlage sah düster aus. Am Himmel grollte schon der Faschismus. Fußball wurde unterm Hackenkreuz gespielt. Der zweite Weltkrieg stand bevor. Am 12. März hatte Hitler-Deutschland Österreich „heim ins Reich“ geholt und für den 1. Oktober das Ende der Tschechoslowakei angekündigt. In Italien regierte „Duce“ Mussolini und in Spanien herrschte Bürgerkrieg. Zusammen mit Argentinien haderten viele süd- und mittelamerikanische Staaten, weil die FIFA das Turnier abermals nach Europa vergab.

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Nach seiner Karriere als Spieler wechselte Fritz Szepan ins Trainerfach. Mit Rot-Weiß Essen gewann er die Deutsche Meisterschaft. (Foto: Horstmüller)

Großbritannien hatte noch immer mit dem WM-Turnier nichts am Hut. So bestimmten die europäischen Länder die Spiele von Frankreich. Ausscheidungen waren so ebenso wenig nötig wie Gruppenspiele. So begann das Turnier gleich mit einer übersichtlichen ersten WM-Runde.

In Österreich und Deutschland überschlugen sich die Ereignisse

Eine Woche vor dem deutschen Einmarsch am 12. März 1938 bekam Österreich als WM-Gegner Schweden zugelost, doch der „Anschluss“ machte dieses Achtelfinale hinfällig. Die Absage erfolgte am 28. März durch Dr. Eberstaller, den Vorsitzenden des ÖFB-Bundesvorstands: „Der Österreichische Fußballbund hat mit heutigem Tage als selbständiger Staatsverband zu bestehen aufgehört, womit die Mitgliedschaft zur FIFA als erloschen zu betrachten ist. Mit deutschem Sportgruß...“. Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten rief am 3. April zum „Verbrüderungsspiel“ in den Wiener Prater. Österreich gewann sein vorerst letztes Spiel als eigenständige Nationalmannschaft mit 2:0, danach sollten die Reichstrainer Herberger und Otto Nerz das gemeinsame Team benennen. Nerz gab auf. Also musste Herberger laut Befehl aus Berlin seine eingespielte deutsche Mannschaft in den wenigen Wochen bis zum Turnierbeginn mit dem Wunderteam aus Österreich mischen.

Das Aufgebot sah wie folgt aus: Buchloch (Berlin), Jakob (Regensburg), Raftl (Wien), Paul Janes (Düsseldorf), Münzenberg (Aachen), Schmaus (Wien), Streitle (München), Goldbrunner (München), Kitzinger (Schweinfurth), Kupfer (Schweinfurth), Mock (Wien), Skoumal (Wien), Wagner (Wien), Gauchen (Neuendorf), Gellesch (Schalke), Hahnemann (Wien), Lehner (Augsburg), Neumer (Wien), Pesser (Wien), Siffling (Mannheim), Stroh (Wien) und Szepan (Schalke).

Der „stramme deutschfreundliche Wiener“ Hans Mock und Fritz Szepan waren als Kapitäne vorgesehen. Herberger war angewiesen, sechs Spieler aus seiner Breslauer Elf zu nominieren, fünf Spieler sollten aus Wien kommen. Matthias Sindelar verzichtete gänzlich. Aus welchen Gründen ist unklar. Fritz Szepan kam als deutscher Kapitän von 1934 als Dritter von Italien zum Turnier. Aber Deutschland war mit ihm in Frankreich nicht willkommen.

Wurfgeschosse auf Szepan & Co.

Das Auftaktspiel zur dritten WM bestritt das großdeutsche Team gegen die Schweiz - und gegen mehr als 40.000 Zuschauer im Pariser Parc des Princes. Den Herberger-Schützlingen schlug der Hass auf Nazi-Deutschland entgegen. Als der Wiener Pesser nach einem Revanchefoul des Feldes verwiesen wird, hagelt es faule Eier und Tomaten sowie Flaschen. Das 1:1 n.V. zwang Szepans Team zum Wiederholungsspiel. Fünf Tage danach dasselbe Bild. Nach einer 2:0-Führung verlor der zusammen gewürfelte Haufen von Elitekickern um Szepan 2:4 und war raus dem Wettbewerb. Schlechter war eine deutsche Elf bis heute nicht bei einem WM-Turnier.

Szepans Mannschaftskamerad, der Schalker Rudolf Gellesch, diktierte dem „kicker“-Reporter später in den Notizblock: „Es gab nichts, an das man sich gern erinnern würde. Hingefahren, schlecht gespielt, gleich ausgeschieden, schnell wieder nach Hause gefahren und alles unter sonderbaren Umständen. Menschlich gab es keine Probleme. Aber sportlich standen wir vor großen Problemen, denn in beiden Ländern wurde unterschiedlich gespielt.“ Die Breslau-Elf und das Wunderteam passten nicht. Die deutsche Mannschaft hatte seit dem Mai 1937 den Beinamen „Breslauf-Elf“ getragen, will sie dort mit einer überragenden Leistung Dänemark mit 8:0 geschlagen hatte. In zehn ihrer elf Spiele im Jahr vor der WM blieb sie ungeschlagen. Es kam sportlich noch bitterer für Szepan & Co. Der Krieg vernichtete eine WM 1942 und Szepans letzte Hoffnung auf den Titel.

Die Nationalmannschaft hat Szepan ohnehin nicht viel Freude eingebracht. Ein Zwist mit Richard Hofmann wäre fast schon 1931 das Ende im deutschen Trikot gewesen. Erst als „König Richard“ zurücktrat, konnte Reichstrainer Nerz auf den Schalker wieder bauen, der am 2. September 1907 in Gelsenkirchen als Friedrich Hermann Sczepan, Sohn eines ins Ruhrgebiet eingewanderten Ostpreußen, geboren wurde. Sein Debüt im Trikot des FC Schalke 04 hatte der Techniker als 14-Jähriger mit zwei Toren in einem Jugendspiel gegeben. Am 9. August 1925 lief er zum ersten Mal für die erste Mannschaft auf - als Ersatz für Ernst Kuzorra, einen anderen bis heute legendären Schalker.

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Zwischen 1916 und 1950 spielte der „blonde Fritz“ nur für Schalke, mit dem er sechsmal die Meisterschaft gewann (1934, 1935, 1937, 1939, 1940 und 1942) und einmal DFB-Pokal-Sieger (1937) wurde. Szepan war der Beckenbauer der 1930er Jahre. Zusammen mit seinem Schwager Kuzorra bildete der Halbstürmer und Mittelfeldspieler Szepan das Herz von „04“. Szepan, Kuzorra und ihre Mitspieler verwirrten die Gegner mit ihrem „Schalker Kreisel“, mit vielen schnellen Kurzpässen, deren ideale Kombination einem Kreisel ähnelte. Sein Verein schrieb zum 100. Geburtstag über ihn: „Fritz Szepan gab in allen Endspielen mit seiner eleganten, technisch versierten Spielweise den Rhythmus vor, der schließlich den Sieg bringen sollte.

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Fritz Szepan, der Name steht bis heute auch für Schalke 04. Sechsmal wurde er mit den Königsblauen aus seiner Geburtsstadt Deutscher Meister und später Präsident des Klubs. (Foto: Horstmüller)

Manche Kritiker meinten, dass er zu langsam für Fußball auf höchstem Niveau sei. Szepan kompensierte fehlende Spritzigkeit indes durch Spielintelligenz, Übersicht, Technik und ein überragendes Stellungsspiel.“

„Du warst einer der Größten, Fritz!"

Szepan bestritt zwischen 1929 und 1939 34 Länderspiele (acht Tore), davon 30 als Spielführer. Nach dem zweiten Weltkrieg beendete Szepan wegen Knieproblemen und Rückenschmerzen seine Karriere. 1950 begann Szepan eine Laufbahn als Trainer. Er leitete die Mannschaften des Wuppertaler SV, des FC Schalke 04, von Rot-Weiß Essen und des TSV Marl-Hüls; mit Essen wurde Szepan 1955 sogar Deutscher Meister. Von 1964 bis 1967 war er Präsident des FC Schalke 04. Als der Pensionär am 14. Dezember 1974 mit 67 Jahren in Gelsenkirchen an den Folgen einer Nieren-Operation starb, weinte Herberger am Grab und soll gesagt haben: „Du warst einer der Größten, Fritz!"

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Fritz Szepan war einer der überragenden deutschen Spieler seiner Zeit. Er nahm mit der deutschen Nationalelf 1934 und 1938 an der WM teil. In einen 34 Länderspielen war er 30 Mal Kapitän. (Foto: DFB)


In Zuge der geschichtlichen Aufarbeitung des Fußballs im Nationalsozialismus recherchierten die Schalker Chronisten aber auch dies, was auf der Homepage des Vereins über Fritz Szepan zu lesen ist: „Jenseits des Spielfeldes war er allerdings einmal Nutznießer eines großen Unrechts: Als die Nationalsozialisten das Textilgeschäft der jüdischen Kaufleute Sally Meyer und Julie Lichtmann am Schalker Markt 1938 zwangsenteigneten, übernahm Szepan dieses. Er bezahlte 7000 Mark. Dies entsprach lediglich dem Wert des Inventars, nicht aber des Geschäftes, der um ein Vielfaches höher lag, wie die Jahreseinnahme 1939 für Szepan in Höhe von 27.000 Mark deutlich belegt. Szepan muss daher als Profiteur der "Arisierung" gelten. Aus diesem Grund nahm der Club davon Abstand, eine Straße rund um die VELTINS-Arena nach ihm zu benennen.“ In der Erinnerung vieler Schalker blieb Szepan dennoch einer der größten Spieler des Vereins. Von den Fans wurde er 1999 immerhin in die Schalker Jahrhundertelf gewählt.