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Der Tag, an dem eine Fußballnation starb Im Jahr 1950 fiel die Sonne in Brasilien vom Himmel. Bei dieser FIFA Weltmeisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem die Turniere 1942 und 1946 ausgefallen waren, war Deutschland weltweit geächtet und durfte nicht mitspielen. In Europa bekamen die Fußball-Freunde das Geschehen in Brasilien nur mit großer Verzögerung mit. Auch dass der 16. Juli 1950 zum Sterbetag der Fußballnation Brasilien wurde, erfuhren große Teile der Sportfreunde in aller Welt erst mit Verspätung. |
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![]() Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, erbaut zur WM 1950, fasste damals 200 000 Zuschauern. Nach offiziellen FIFA-Angaben waren 174 000 Menschen beim Endspiel in der Arena. (Foto: Archiv) |
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Es war 15.00 Uhr in Rio de Janeiro an diesem Tag. Im Maracana-Stadion warteten nahezu 200 000 Menschen eigentlich auf die Krönung ihrer Fußball-Götter. Zwischen Copacabana und Regenwald war ein ganzes Volk auf einen einzigen Punkt fixiert - den Anstoß des entscheidenden Gruppenspiels der FIFA Fußball-WM, welches allerdings den Charakter eines FIFA WM-Finales hatte. Es war die Begegnung zwischen dem Gastgeber, dem großen Brasilien, und dem FIFA Weltmeister von 1930, dem kleinen Uruguay. Nein, eigentlich warteten die Brasilianer alle nur auf den Abpfiff und damit auf die Übergabe des Coupe Jules Rimet, dem ersten feinen, kleinen FIFA WM-Pokal. Das gesamte Leben an diesem Tage war auf den Titel, war auf Erfolg fixiert. Ein Unentschieden reichte mathematisch schon für den ersten WM-Triumph. Die Hoffnung der Abermillionen Fans war ihr Trainer Flavio Costa, die Hoffnung waren die Stars wie Torwart Barbosa, Mittelfeldgenie Zizinho und Stürmer Friaca. Man sagt, Brasilien habe diese FIFA WM nur für diesen Tag aller Tage ausgerichtet. Man sagt, dieses Maracana war nur als Bühne dieses Sieges gebaut. Man sagt noch heute auch: Es sei der Traum aller Brasilianer, in einem FIFA WM-Endspiel hier in dieser „Schüssel“ mit einem Ball im gegnerischen Strafraum das Tor zum größten Spektakel der Weltgeschichte zu erzielen. Für den Brasilianer Albino Friaca Cardoso und damit für dessen Team war es vom Wunsch zur Wirklichkeit tatsächlich eigentlich nur noch ein kleiner Schritt. Friacas Treffer in der 47. Minute war scheinbar das Tor zu den Träumen aller Brasilianer. Aber ein Mann namens Schiaffino (66.) und ein gewisser Alcides Edgardo Ghigga (79.) töteten die schönsten Illusionen, die Visionen vom FIFA WM-Triumph der Brasilianer mit ihren Toren für Uruguay. Die Partie endete 1:2. Aus. Vorbei. Selten hat eine Niederlage eine solche Trauer in einer Nation ausgelöst. |
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![]() In diesem Moment ist Torwart Barbosa geschlagen, Uruguay führt 2:1, die brasilianische Nation versinkt in jahrelanger Trauer. Die WM 1950 war entschieden. (Foto: Archiv) |
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Ghigga lähmte Brasilien Ghigga lähmte an diesem 16. Juli um 16.33 Uhr ein Land. Der Schriftsteller Eduardo Galeano nannte es später das „tosendste Schweigen in der Geschichte des Fußballs“. Der Torschütze verkündete später stolz: „Nur drei Menschen haben es geschafft, das Maracana mit einer einzigen Aktion ruhig zu stellen. Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich.“ Der Schriftsteller Nelson Rodriguez, von dem der Satz stammt, ‚Brasilianer zu sein, ist das Größte’, wird schreiben: „Jede Nation hat ihre nicht wieder gutzumachende Katastrophe, so etwas wie Hiroshima. Unsere Katastrophe, unser Hiroshima war die Niederlage gegen Uruguay 1950.“ Ghigga sorgte für das Erlebnis, das die Brasilianer als so bitter empfanden, dass es ein Schriftsteller wagte, mit dem Tod von hunderttausenden Japanern wenige Jahre zuvor zu vergleichen. Paub Perdigäo erläuterte in „Anatomie einer Niederlage“: „Bis heute ist es das berühmteste Tor in der Geschichte des brasilianischen Fußballs... kein anderes Sportereignis reicht an seinen Status heran... es wurde zu einem historischen Moment im Leben der Nation.“ Der Brite Alex Bellos ging noch tiefer in die Seele der Brasilianer: „Als die Massen das Maracana verließen, kam es nur zu einer gewalttätigen Handlung: Die Granitbüste von Bürgermeister Ângelo Mendes de Moraes - der Übereifrige, der vor Spielbeginn ‚den Siegern salutierte’ - wurde umgestoßen…Wohl nichts vermag so viele Brasilianer mehr aus der Fassung zu bringen, als ihre Nationalmannschaft im größten Stadion der Welt in den letzten Minuten gegen ein Nachbarland verlieren zu sehen.“ Das Maracana war damals ein Meer der Tränen. Sekunden von Filmschnipseln sind heute auf YouTube im Internet zu sehen. Man sieht dort: Uruguays Stars weinten vor Glück, die Brasilianer vor Schmerz. Die Ehrung der FIFA Weltmeister fand ohne große Feier und offizieller Übergabe statt. FIFA-Präsident Rimet drückte Kapitän Obdulio Varela den FIFA Pokal kurz in die Hand, die Brasilianer flüchteten schon in die Katakomben. Auf den Rängen des Maracana spielten sich Tragödien ab. Mindestens vier Menschen starben - drei an Herzversagen; einer stürzte sich von der Tribüne in den Tod. Die Brasilianer mutierten zu einer Ansammlung von Millionen in Trance. Flucht als Kindermädchen, Fluch auf Barbosa |
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Brasiliens Fußballlehrer Flavio Costa verließ als Kindermädchen verkleidet das Stadion. Das behaupten mehrere Quellen. An jenem 16. Juli 1950 traten die Brasilianer zum letzten Mal in weißen Trikots und blauen Hosen an. Man wechselte nach einer Ausschreibung unter den Millionen Fans zu gelb und grün. Brasiliens Nationalmannschaft erlegte sich eine zweijährige Spielpause auf und trat erst vier Jahre später wieder im Maracana-Stadion an. Zugleich bedeutete das 1:2 eine Zäsur bei den Auftritten der Brasilianer. |
![]() Victor Andrade, einer der Weltmeister von 1950. Er hatte einen Vorgänger gleichen namens, Jose Andrade, der erste Weltstar des Fußball, der mit Uruguay 1930 den Titel gewann. (Foto: Archiv) |
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Am schlimmsten hatte Torhüter Moacyr Nascimento Barbosa unter der Pleite von Maracana zu leiden. 1993 sagte er in einem Interview: „In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage.“ Zu den Demütigungen des dunkelhäutigen Barbosa gehörte, dass noch 1994 bei einem FIFA WM-Qualifikationsspiel zwischen Brasilien und Uruguay Nationaltrainer Parreira seinem Torhüter Taffarel jeden Kontakt mit Barbosa verbot. Ein brasilianischer Fußballfunktionär soll ihn sogar mit den Worten „Schafft ihn fort, er bringt nur Pech“ des Stadions verwiesen haben. Erst 1998 stand mit Dida auch wieder ein farbiger Torhüter im brasilianischen Kasten. Brasilien ist das einzige Land, das an allen 18. FIFA WM-Turnieren teilnahm. Brasilien hat den FIFA WM-Pokal nach 1950 fünf Mal gewonnen. Aber kein Glanz dieser Tage konnte die Schmach von Maracana vergessen machen. Uruguay, Italien, England, Deutschland, Argentinien und Frankreich haben alle in ihren Ländern den Weltpokal geholt, wenn sie als Gastgeber im Endspiel standen, Brasilien nicht. Im Jahre 2014 wird die FIFA Weltmeisterschaft in Brasilien stattfinden. Das „Hiroshima im Maracana“ wird zu diesem Zeitpunkt wieder in das Bewusstsein der brasilianischen Fans rücken. |