DFB-Star der FIFA WM 1962: Wolfgang Fahrian

Kampf ums deutsche Tor

Vor der FIFA Weltmeisterschaft 1962 in Chile, der siebten, die seit 1930 ausgetragen wurde, hatte Sepp Herberger als Bundestrainer darüber nachgedacht, mit dem 41-jährigen Fritz Walter einen FIFA Weltmeister von 1954 ins Team einzubauen. Der „Chef“ hätte es getan.

Aber der „alte Fritz“ lehnte ab. Mit Hans Schäfer – Kapitän wie 1958 in Schweden - war immerhin noch ein Mann vom „Wunder von Bern“ auf dem Rasen. Herberger setzte in diesem Turnier nur 15 von 22 Spielern ein. Er bot in den vier Begegnungen neun Akteure in allen Spielen auf. Diese Kontinuität zahlte sich nicht aus. Deutschland musste in der Vorrunden-Gruppe B in Santiago de Chile gegen Italien (0:0), Schweiz (2:1) und Chile (2:0) antreten.

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Diese Resultate reichten für den Gruppensieg vor Gastgeber Chile. Aber schon im Achtelfinale war die Hürde Jugoslawien zu hoch. Fünf Minuten vor dem Spielende hatte eine Kombination zwischen Galic und Radakovic zum Tor der Balkan-Kicker geführt. Willy Schulz war ausgespielt und Torwart Wolfgang Fahrian überwunden worden. Der ewige Widersacher Deutschland wurde von den Jugoslawen - anders als 1954 und 1958 - endlich mal geschlagen, Brasilien am Ende des Turniers glücklicher FIFA Weltmeister. Damit wäre über dieses Turnier aus deutscher Sicht eigentlich fast alles gesagt, hätte es damals nicht den irren Kampf ums Tor gegeben.

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Mit 20 Jahren wurde Wolfgang Fahrian bei der WM 1962 Nationaltorhüter und verdrängte Hans Tilkowski. Der Ulmer spielte später für Hertha BSC und den TSV München 1860. (Foto: Horstmüller)

Herberger setzte auf den jungen Fahrian

Herberger war sich über die Position seiner Nummer 1 im Jahre 1962 offensichtlich nicht im Klaren. Nur so viel war sicher: Fritz Herkenrath und Heinz Kwiatkowski, die Keeper der WM von 1958, waren raus. Also nominierte der „Chef“, wie sie Herberger nannten, vor dem Championat gleich sechs Torhüter in einem 40-köpfigen Aufgebot. Sawatzki und Tilkowski, Fahrian, Ewert, Kirsch und Bernard. Als die Trikots mit dem Bundesadler verteilt wurden, bekam Hans Tilkowski die 1, Günther Sawatzki die 21 und Wolfgang Fahrian die 22. Tilkowski hatte 1961 alle Länderspiele bestritten. Mit der Nummer 1 schien er Herbergers Favorit zu sein.

Aber in der Folge passierte etwas, was der „Til“ bis heute nicht verwunden hat. Er wurde ausgebootet von Herberger. Er wurde ersetzt durch Fahrian. Das Kuriosum: Fahrian, am 31. Mai 1941 geboren, war bis 1960 gar kein Torwart. Fahrian war bei der TSG Ulm von 1846 ein passabler Feldspieler, verteidigte sogar für die süddeutsche Jugendauswahl. Im Herbst 1960, als die Ulmer in Torwartnöten waren, suchte Trainer Fred Hofmann verzweifelt einen Mann zwischen den Pfosten. Paul, Ruff und Kießling waren weg. Hofmann funktionierte für die Begegnung am 4. September 1960 gegen Schweinfurt 05 den Feldspieler Fahrian zum Torwart um. Ulm verlor 2:3. Das Experiment schien missglückt. Hätte Fahrian nicht der Ehrgeiz im Tor gepackt. Er legte Sonderschichten ein und kletterte in der Hierarchie der süddeutschen Torhüter allmählich nach oben. Während Ulm mit Fahrian abstieg, stieg Fahrian zum Spieler der deutschen Jugendnationalmannschaft auf.

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Über Fortuna Düsseldorf kam Wolfgang Fahrian, hier mit Karl Lambertin (rechts), zu Fortuna Köln. Dort spielte er bis 1976. (Foto: Horstmüller)


Fahrian gefiel beim 5:0 gegen Polen in Gelsenkirchen mit seinem ungewöhnlichen Torhüterverhalten, er verließ seinen Kasten, er zeigte glänzende Flugparaden. Am 11. April 1962 nominierte Herberger den Heißsporn nun sogar für das Länderspiel gegen Uruguay (3:0). Mit dieser Leistung löste Fahrian das Ticket zur FIFA WM. Trotz eines Bänderrisses.

Als Fahrian zum Abflug anreiste, war sogar Herberger erst einmal erschrocken. „Sie humpeln ja noch immer“, sagte der Bundestrainer. Bis zum ersten Spiel bekam der Herberger-Assistent Helmut Schön einen Sonderauftrag, Reha-Training mit Fahrian, Training mit den Torhütern, Analyse der Torhüter. Am 21. Geburtstag von Fahrian grüßte Herberger den Torwart als neue Nummer 1. „Es war der schönste Tag von Chile“, berichtete Fahrian später. „Insbesondere deshalb, weil die Sache so unvorbereitet auf mich zu kam.“ In 360 Minuten Chile musste Fahrian nur zwei Mal hinter sich greifen. Fritz Walter lobte: „Selten habe ich einen Torwart mit so tollen Paraden gesehen.“ Fahrian aber spielte seine Leistungen unterdessen herunter: „Ich habe getan, was von mir verlangt wurde.“ Es war wohl auch der Respekt vor Tilkowski, nicht auf die Pauke zu hauen.

„Til“ wollte dem „Chef“ an den Kragen

Der „Til“ jedenfalls verstand die Welt und Herberger nicht mehr. In seinem ersten Buch äußert er sich so: „1958 war ich den Verantwortlichen noch nicht alt und erfahren genug. Meine beiden ersten Länderspiele 1957 wogen zu leicht. Damals war ich 22. 1962 war es genau umgekehrt.“ Zu diesem Zeitpunkt war Tilkowski 26, hatte 18 Länderspiele. Zum Vergleich: Toni Turek hatte 1954 19 Spiele gemacht, als er bei der FIFA WM Stammtorwart wurde. Tilkowski hatte alle Ausscheidungsspiele absolviert. Aber nun setzte man ihm Fahrian vor. Der Mann aus dem Ruhrgebiet, der 1962 noch für Westfalia Herne spielte, ehe er ein Jahr später zum Bundesliga-Start zu Borussia Dortmund wechselte, wollte ursprünglich sofort abreisen, machte nach dieser Entscheidung gegen ihn nachts kein Auge zu. Kapitän Schäfer verriet, Tilkowski habe aus seinem Groll kein Hehl gemacht und die Reservisten auf seiner Seite gehabt. In einer Herberger-Biografie heißt es, der Torwart habe nach dem Spiel getrunken und Möbel seines Zimmers auf den Flur geworfen und von Betrug gesprochen. Auf dem Rückflug, so ein WM-Reporter, wollte Tilkowski Herberger sogar noch immer an den Kragen. Mitspieler unterbanden dies.

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Nach seiner aktiven Karriere blieb der gebürtige Ulmer Fahrian im Rheinland. Heute ist er einer der bekanntesten Spielerberater und Spielervermittler im deutschen Fußball. (Foto: Kunz/Augenklick)


Tilkowski war jedenfalls so gekränkt, dass er aus der Nationalelf zurück trat – für zwei Jahre. 1966 stand er für Deutschland wieder im WM-Tor, im Finale gegen England (2:4), wurde Vize-Weltmeister. Durch ein „Wembley-Tor“, das keines war. Wolfgang Fahrian aber stand schon am 29. April 1964 zum zehnten und letzten Mal zwischen den deutschen Pfosten. Kurz darauf wechselte er zu Hertha BSC. Eine verbotene Handgeld-Zahlung brachte dem Lizenzspieler eine zweijährige Sperre ein, die später auf sechs Monate reduziert wurde. Das gute Image war angekratzt, der Schwabe kam später ins Rheinland, spielte für Fortuna Düsseldorf und dann noch lange bis zum Ende seiner Profi-Karriere bei Fortuna Köln. Im Rheinland wurde er sesshaft und war eine der ersten Spielerberater und Spielervermittler. Heute ist Fahrian für die Agentur Rogon tätig und besitzt als Spielervermittler beachtlichen Einfluss in der deutschen Fußball-Szene.