DFB-Star der FIFA WM 1966: Uwe Seeler

„Uns Uwe“: Nur ein Weltmeister der Herzen

Es gibt wenige Fußballer, die man schon auf Grund ihrer Kosenamen sofort einordnen kann. Der Fritz, heißt eigentlich Walter und steht für das „Wunder von Bern“.

„Uns Uwe“ ist eine Liebkosung für Seeler und prägt im deutschen Fußball die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Der „Franz“ ist der „Kaiser“ und hat den bürgerlichen Namen Beckenbauer. Seine Zeit waren die „goldenen Siebziger“ und „Achtziger“. Der „Loddar“ unterdessen ist der Matthäus und sein Name, gut bürgerlich Lothar, verbindet sich mit den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Die vier haben auch alle noch eines gemein, sie sind allesamt die Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft. Nur einer hat einen „Makel“: „Uns Uwe“ ist nie Weltmeister geworden.

„Uns Uwe“ – der Mann nach Fritz und vor Franz und Lothar ist Synonym für Vorbild und Beständigkeit, für Leistungsbereitschaft und Rechtschaffenheit, für Volksnähe und Beliebtheit. Für die Menschen in deutschen Landen war „Uns Uwe“ immer ganz nah an der Masse. Daher kommt wohl der Zusatz „Uns“ vor dem Vornamen. Dieser Uwe gehörte allen, mit diesem Uwe konnte sich jeder identifizieren. Als Fußballer war er ein Kicker von Klasse. Der einstige Mittelstürmer Uwe Seeler steht für den deutschen Fußball, für den HSV, für Vereinstreue, für Kontinuität.

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Seeler gab einmal in einem Beitrag für das Bundesliga-Magazin der Deutschen Fußball-Liga vieles preis von dem, was ihn prägte und beschäftige: „Ich war, bin und bleibe ein Sicherheitsfanatiker. Ob Sport, Beruf oder Familie – ich habe in meiner Karriere bis heute immer den ehrlichen, den sicheren Weg gewählt. Es war und ist ein Leben für meine Familie, für den Fußball, ein Leben in der Stadt Hamburg, für den Hamburger SV. Ich wurde 1936 in Hamburg geboren, meine Eltern Anni und Erwin waren hier immer zu Hause. Meine Frau Ilka wurde in Hamburg groß, unsere drei Töchter und die Enkel sind Hamburger. Unsere Familie steht für Hamburg. Ich begann mit neun Jahren beim HSV, mit 16 Jahren gehörte ich ab 1954 zu ersten Mannschaft, 1972 habe ich im Trikot des HSV aufgehört.

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Uwe Seeler blieb nach seinem Rücktritt 1972 im Fußball präsent. Der beste Hamburger Torschütze aller Zeiten war von 1995 bis 1998 Präsident bei seinem HSV. (Foto: Firo/Augenklick)

Ich hatte nie im Sinn, die Alster und Hamburg zu verlassen. In Deutschland war das bekannt. Kein Verein hat jemals versucht, mich rüber zu ziehen. Das Geld für diesen Versuch konnte sich aber auch jeder sparen. Ich habe ja lange in einer Zeit des Amateur-Fußballs in Deutschland gespielt. Vieles bedurfte der Genehmigung des DFB – bis hin zu Prämien und Sonderzahlungen. Im Sport war noch nicht sehr viel zu verdienen. Ich war im Job ja Speditionskaufmann, hatte aber ab 1961 bei adidas die Generalvertretung für Hamburg und Niedersachsen. Das gab Sicherheit. Nur einmal, das ist bekannt, bin ich ins Schwanken gekommen. 1961. Da wollte mich Helenio Herrera unbedingt zu Inter Mailand holen. Am dritten Tag der Verhandlungen habe ich den Präsidenten nach Hause geschickt – trotz eines Millionen-Angebotes, das ich wohl sicher hätte noch höher treiben können. Aber Geld ist nicht alles.“

Einmal HSV, immer HSV!

Bereits als 16-Jähriger sorgte Uwe Seeler beim UEFA-Jugendturnier 1953 in Brüssel für Aufsehen. Noch im selben Jahr wurde er in einem Freundschaftsspiel gegen Göttingen 05 zum ersten Mal in der HSV-Ligamannschaft eingesetzt. Die Nationalmannschaftskarriere Seelers begann am 16. Oktober 1954 in Hannover. Der 17-Jährige war damit damals der drittjüngste Debütant in der Länderspielgeschichte des DFB. In der Nationalmannschaft spielte er 72 mal und erzielte 43 Tore. Dreimal wurde Seeler zum deutschen Fußballer des Jahres gewählt (1960, 1964, 1970) und je dreimal in die Welt- und in die Europaauswahl berufen. Als erster Fußballspieler erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz. Insgesamt erzielte er in 237 Oberligaspielen 267 Tore und in 239 Bundesligaspielen 137 Tore. Am 1. Mai 1972 verabschiedete er sich vor 70.000 Zuschauern mit einem Spiel einer Weltauswahl gegen den HSV endgültig vom aktiven Fußball. Uwe Seeler wurde 1958 bei seiner ersten WM-Teilnahme Vierter, war vier Jahre später in Chile dabei, schoss das DFB-Team 1965 zum Turnier nach England, wo er Platz zwei belegte, und absolvierte 1970 in Mexiko sein 21. und letztes WM-Spiel mit einem dritten Platz.

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So kannte „Uns Uwe“ eine ganze Nation: Seeler war pure Energie, er schoss und köpfte aus allen Lagen, wie hier einem Spiel für seinen Hamburger SV, dem er ewig treu blieb. (Foto: Baumann/Augenklick)


Aber vor allem ein Turnier und ein Spiel blieb Seeler in ewiger Erinnerung. Es ist die WM in England, dem Mutterland des Fußballs. Es ist das Finalspiel von 1966 im Fußball-Mekka namens Wembley. Dieses Weltfußballfestival begann für die deutsche Mannschaft, erstmals bei einer WM von Helmut Schön betreut, mit einem 5:0 gegen die Schweiz: Es folgte ein 0:0 gegen Argentinien und ein 2:1 gegen Spanien. Im Viertelfinale demontierte das Team von Seeler die brutalen „Urus“ mit 4:0. Im Halbfinale besiegte die DFB-Elf die UdSSR mit 2:1. Zum zweiten Mal in der WM-Geschichte stand Deutschland im Finale - gegen Gastgeber England.

Geoffrey Hurst, ein Mann, ein Tor, das Wembley-Tor…

90 Minuten wechselten die Emotionen und Torschützen. Haller (12.), Hurst (17.), Peters (78.), Weber (90.) trafen im wechselnden Rhythmus. Nun musste eine Verlängerung her. Das waren 30 Minuten neue Hoffnung für Deutschland und Seeler. Nach 100 Spielminuten rückte ein Engländer in den Mittelpunkt des Finals. Geoffrey Hurst. Er schilderte später die 101. Minute so: „Allan Ball spielte mir auf der rechten Seite den Ball zu, das Tor stand hinter meiner linken Schulter. Ich habe ihn nach rechts geschoben und hämmerte einen Drehschuss in Richtung Tor. Ich habe den Ball erst dann wieder gesehen, als er zurück ins Feld sprang. Allein wegen Roger Hunts Reaktion bin ich absolut sicher, dass mein Treffer zum 3:2 drin und damit regulär war. Roger hätte spielend den Ball sofort ins Tor schieben können, wäre er unsicher gewesen – er war völlig allein.“

Seeler sicher: „Der Ball war nicht drin!“

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Was Hurst nicht sah: Der Ball knallte an die Unterkante der Querlatte und sprang von dort zurück auf den Rasen. Auf, vor oder hinter die Linie? Man weiß es eigentlich bis heute nicht einhundert Prozent genau und man wird in 100 Jahren wohl nicht schlauer sein. Oder sieht diese Szene nicht klar danach aus, dass der Ball ganz eindeutig von der Latte zurück vor die Linie prallt? Während Schütze Hurst jubelnd die Arme hochriss, köpfte der herbeigeeilte Wolfgang Weber das Spielgerät über die Torauslinie. Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz und dessen Assistent Tofik Bachramow aus Baku in der UdSSR waren sich sicher, allerdings erst nach einer Beratung am Spielfeldrand: Tor. Dienst hat an diesem Tag, am Nachmittag des 30. Juli 1966 gegen 17 Uhr, eine Tatsachen-Entscheidung getroffen, die zum vorentscheidenden 3:2 der Engländer gegen die Deutschen führte und der Knackpunkt in der Verlängerung des Finals war, das schließlich mit 4:2 endete.

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Uwe Seeler war einer der besten deutschen Fußballspieler, doch Weltmeister wurde er nie. Im Finale der WM 1966 gegen England gab er alles und verlor. (Foto: Baumann/Augenklick)

„Bild“ titelte einen Tag später: „Wir haben 2:2 verloren“, und ganze Generationen führen bis heute hitzige Diskussionen über diese Szene, die verknüpft wird mit dem Begriff „Wembley-Tor“. Uwe Seeler machte das einzig Richtige. Er hielt seine Mannschaft von heftigen Protesten zurück. Deutschland hatte ein tolles Turnier gespielt und verlor mit Anstand. Aber selbst 42 Jahre später, im April 2008, sagte Seeler auf einer Podiumsdiskussion in Freiburg dies: „Das war kein Tor. Ganz sicher. Der Ball der Engländer war nicht hinter der Linie. Aber das ist heute ja fast schon egal.“ So ist „Uns Uwe“. Ein fairer Sportsmann. Kein Weltmeister als Fußballer, aber ein Weltmeister der Herzen