DFB-Star der FIFA WM 1970: Karl-Heinz Schnellinger

Das Jahrhundertspiel: Carlo gegen Catenaccio

„17. Juno 1970, juego de Siglo Italia – Alemania 4:2“. Eine Kupfertafel mit dieser Inschrift in spanischer Sprache verrät am Eingang des Azteken-Stadions in Mexiko-City den Tag und den Ort des so genannten „Spiel des Jahrhunderts“.

Der Anlass des Treffens war die Weltmeisterschaft 1970, das Halbfinale, der letzte Schritt zum großen Spiel. Die beteiligten Nationen waren Europameister Italien, vier Jahre zuvor gegen Nordkorea früh gescheitert, und Deutschland, der Vize-Weltmeister von 1966. Der „Spielfilm“ dieser Partie gilt noch heute als spannender als jeder Krimi von Alfred Hitchcock.

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Vor seiner vierten WM-Teilnahme 1970 war Karl-Heinz Schnellinger auch beim Finale 1966 dabei. Enttäuscht verließ er (ganz links) mit Beckenbauer, Weber und Overath den Platz. (Foto: Horstmüller)


Der Schweizer Journalist Walter Lutz schrieb im „Sport“ in Zürich über dieses Ereignis: „In dem faszinierendsten, aufwühlendsten, spannendsten Fußballkampf, den ich je erlebt habe, im mitreißendsten und hochklassigsten Spiel dieser WM, in einem Treffen in dem in der Verlängerung alle Dämme brachen, sich alle Schleusen großzügig öffneten und in welchem alle fußballerischen Grundregeln über den Haufen geworfen wurden, qualifizierte sich Italien. Es war ein fußballhistorisches Treffen an Farbe, Gehalt, Relief, Atmosphäre und Spannung nicht zu übertreffen.“ Der Mann, der bei diesem Ereignis groß in den Blickpunkt geriet, ist ein Deutscher mit „italienischem Bezug“. Es ist Karl-Heinz „Carlo“ Schnellinger. Ein blonder linker Verteidiger, am 31. März 1939 geboren, mit lustigen Sommersprossen im Gesicht.

Schnellinger wurde zwar in Düren geboren. Schnellinger spielte auch für den 1. FC Köln. Aber er ist vor allem als einer der erfolgreichsten deutschen Profis im Ausland bekannt geworden. Denn Schnellingers Karriere ist nach einigen Episoden bei AC Mantova und AS Rom vor allem ein Leben für den AC Mailand. Also ausgerechnet ein auf dem „Fußballstiefel“ kickender Deutscher sorgte in der Höhe und Hitze, der „Hölle von Mexiko-Stadt“, für Dynamik und Dramatik. Bis dato hielt sich die Aufregung der Deutschen in diesem Turnier in Grenzen: 2:1 gegen Marokko, 5:2 gegen Bulgarien, 3:1 gegen Peru. 3:2 gegen England. Dieses Viertelfinale war stark, den Deutschen gelang die Revanche für Wembley 1966.

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Karl-Heinz Schnellinger war einer der besten deutschen Verteidiger. Er wechselte früh nach Italien. 1963 spielte er mit Mantova gegen den Meidericher SV mit Helmut Rahn. (Foto: Horstmüller)


Fünf Treffer in der Verlängerung

Noch stärker wird das Halbfinale. In den Geschichtsbüchern der WM 1970 ist allerdings wenig über die ersten 90 Minuten zwischen Italien und Deutschland zu finden. Schon in der 8. Minute traf Roberto Boninsegna zum 1:0 für die Azzurri. Bis in die Nachspielzeit hielten sie das Ergebnis und schienen sicher im Finale. Mit ihrem Catenaccio sowie ihren Mätzchen von Spielverzögerungen und taktischen Fouls rannten sie bei Schiedsrichter Arturo Yamasaki aus Mexiko fast ins Verderben. Denn ausgerechnet dem „Italiener“ Schnellinger, Mannschaftskamerad von Italiens Riveira und Rosato, gelang in der Nachspielzeit nach einem Zuspiel von Grabowski mit einem Grätschsprung zum Ball der einzige Treffer in seiner 47 Begegnungen umfassenden Länderspiel-Karriere. Die Folge war eine Verlängerung.

Nun sollten in 30 Minuten fünf Treffer fallen. Lutz schrieb später, die Spieler hätten an der Grenze der Erschöpfung in einer Art Dämmerzustand nur einen Drang verspürt: Vorwärts, Tore zu schießen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ konstatierte: „Beide Mannschaften waren in einem ramponierten Zustand. Nichtsdestotrotz konnte die Welt sehen, dass beide Mannschaften durchaus würdig gewesen wären, bis ins Finale vorzustoßen.“ Schnellinger gilt bis heute als einer der größten deutschen Profis aller Zeiten. Seinen Job sah er immer als Mannschaftsspieler: „Fußball ist etwas Besonderes, weil vom Kollektiv geprägt. Ein professioneller Typ lebt im Team, denkt im Team und handelt im Team. Er muss sich einordnen, auch unterordnen können, muss immer mannschaftsdienlich auftreten, aber er muss auch Initiative ergreifen. Ein Führungsspieler reißt die ganze Mannschaft mit, letztendlich immer zum eigenen Vorteil.“

Aber man kann Schnellinger als Nationalspieler im DFB-Trikot keinen Glückspilz nennen. Bei seiner ersten von vier Weltmeisterschaften wurde er mit 19 Jahren 1958 mit Deutschland Vierter, 1966 Zweiter, 1970 Dritter. 1962 scheiterte sein Team frühzeitig. Als Vereinsspieler jedoch holte der blonde Abwehrstar vom AC Mailand alle großen Titel in die Lombardei. Als „Carlo il Biondo“, Carlo, der Blonde. In Deutschland wurde Schnellinger mit 18 Jahren als Fußballer von SG Düren 99 Amateur-Nationalspieler. 1962 errang er mit dem 1. FC Köln eine Deutsche Meisterschaft. Mit 35 Jahren beendete Schnellinger als Vater dreier Töchter 1974 bei Tennis Borussia in der Bundesliga. seine Karriere als Absteiger und ging schnell nach Mailand zurück. Er arbeitete dort als Manager in der Elektroindustrie bzw. Gastronomie und lebt noch heute dort. Carlo ist zum Italiener geworden.

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„Carlo“ Schnellinger spielte von 1965 bis 1974 mit überragenden Erfolgen beim AC Mailand und blieb später als erfolgreicher Geschäftsmann in Italien. (Foto: Kunz/Augenklick)


Die vergessene Randfigur

Das Fazit über Schnellingers Leben formulierte der „Tagesspiegel“ so: „In Italien ist er ein Held, in Deutschland ein Unbekannter. Weil Karl-Heinz Schnellinger sich 1963 dazu entschied, nach Mailand zu gehen, blieb dem begnadeten Verteidiger in seinem Heimatland die Anerkennung verwehrt, die er eigentlich verdient hätte – auch weil er 1970 mit seinem einzigen Länderspieltor die legendäre Verlängerung gegen Italien ermöglichte.“ Die Einschätzung dieser Berliner Zeitung stimmt noch ganz. Für ältere Generationen war Schnellinger auch in Deutschland ein hervorragender Fußballer, dem – wie man heute sagen würde – Respekt gezollt wurde. Aber er trat mit seinen Großtaten für Milan, wo er neben einem Giovanni Trapattoni verteidigte, in seinem Geburtsland selten in Erscheinung, auch wegen der fehlenden TV-Bilder. Als Pensionär hat er längst seinen Frieden damit gefunden, nicht zu den richtig bekannten Ex-Nationalspielern zu gehören: „Ich komme mir in Deutschland manchmal wie eine vergessene Randfigur vor. Aber im Leben zählt am meisten, was einem niemand nehmen kann. Und dieses Tor von Mexiko kann mir niemand nehmen.“