DFB-Star der FIFA WM 2002: Oliver Kahn

Die Tränen des Titans vom Tor

Es gibt viele Fotos und Filmaufnahmen aus der Karriere von Oliver Rolf Kahn. Aber ein Bild vom Titan im Tor hat sich besonders ins Gedächtnis vieler Fans gebrannt:

Oliver Kahn lehnt am Pfosten, rutscht und rutscht tiefer, sitzt dann am Boden und kauert Gedanken versunken an einem Torpfosten. Die Chronisten schreiben den 30. Juni 2002. Es geht um das Spiel Nummer 64 der FIFA Weltmeisterschaft. Es ist das Finale zwischen Deutschland und Brasilien. 69 069 Zuschauer haben sich an diesem Tag in Yokohama eingefunden. Deutschland will zum vierten Mal die FIFA WM-Trophäe gewinnen, Brasilien strebt zum fünften Mal nach dem Titel.

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Die größte Stunde endete mit bitterer Enttäuschung: Oliver Kahn sitzt im FIFA WM-Endspiel 2002 geschlagen am Pfosten seines Tores. Brasilien besiegte Deutschland 2:0. (Foto: Kunz/Augenklick)


Das Match wird unter Leitung des Italieners Pierluigi Collina zum Geduldsspiel. Dann startet Ronaldo los wie eine Rakete. In der 67. Minute steht es 0:1, in der 79. Minute 0:2, Ronaldo hat seinen WM-Auftritt gekrönt. Brasilien ist Weltmeister, Deutschland geschlagen, der Titan Kahn am Boden. Die Bilder bleiben in Erinnerung. Kahn erhält an diesem Tag von der deutschen Fachzeitschrift „kicker“ für diese 90 Minuten Finale eine 4, ein ausreichend, als Note. Das Fachblatt begründete dies so: „Die tragische Figur des Endspiels. Rettete erst zweimal gegen Ronaldo, hatte Glück bei Klebersons Lattenschuss und riskierte gegen Gilberto Silva tollkühn. Doch dann unterlief ihm bei Rivaldos Distanzschuss ein fataler Fangfehler, den Ronaldo zum Führungstor nutzte. Beim zweiten Treffer chancenlos.“

Kahn wurde nur Weltmeister der Herzen

Teamchef Rudi Völler machte einen guten Kommentar zum bösen Spiel: „Wir hatten einen guten Torwart. Der Olli braucht sich keine Vorwürfe machen – das wird er sicher, wie ich ihn kenne. Fakt ist: Ohne Kahn wären wir nicht in diesem Endspiel gewesen.“ Die Worte trösteten Kahn nicht. „In einem solchen Moment gibt es keinen Trost. Ich muss selbst mit meinem Fehler leben. Dadurch ist alles nichts. Es war mein einziger Fehler in sieben Spielen, der wurde bestraft. Das ist zehnfach bitter. Allerdings wäre es ein absoluter Witz, wenn jetzt alles Scheiße wäre. Wir sind Vizeweltmeister und haben den deutschen Fußball wieder dahin gebracht, wo er hin gehört, unter die besten der Welt.“

Später, zur Siegerehrung, hängten FIFA-Präsident Sepp Blatter, Franz Beckenbauer und der große Pele dem geschlagenen Kahn eine Silbermedaille um. Kahn schüttelte apathisch die Hände. Er nahm eine Medaille, die er nicht wollte. Silber statt Gold. Tränen statt Triumph. Kahn, der Titan, am Ende ist er nur ein Weltmeister der Herzen geworden. Am Abend beim Bankett sah man Kahn mit Gattin Simone am Tisch, ins T-Shirt mit dem Adler versunken, die Kapseln der Finger der rechten Hand verletzt und verbunden.

Der Held der Asiaten mit finalem Fehler

Harald „Toni“ Schumacher teilte den Schmerz mit Kahn. Ihm unterlief 1986 der finale Fehler. Er wusste: „So ein Bock hängt einem ein Leben lang an.“ Kollege Christian Ziege tröstete: „Wenn einer damit fertig wird, dann der Olli.“ Welche Lehre kann daraus gezogen werden? Torhüter, selbst Titanen, sind auch nur Menschen. Viele Jahre war Kahn in Deutschland eine Reizfigur, die die deutschen Fans polarisierte. Nun jedoch, im Moment der Niederlage, hatte ihn die Nation lieb und zeigte Mitgefühl. In Asien wurde Kahn, dessen Name sich anhört wie der des legendären Dschingis Khan, dem Eroberer Zentralasiens, für immer ein Held.

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Gegen Irland (1:1) bot Oliver Kahn bei der FIFA WM 2002 eine Weltklasseleistung und wehrte auch einen Ball von Robbie Keane (links) artistisch ab. Dietmar Hamann schaut zu. (Foto: Kunz/Augenklick)


Kahn spielte bei der ersten FIFA WM in Asien, der ersten WM in zwei Ländern (Südkorea und Japan) ein großartiges Turnier. Er führte sein Team zum 8:0 gegen Saudi Arabien, beim 1:1 gegen Irland stand er wie eine Mauer auf der Torlinie und flog wie ein Panter zwischen den Pfosten, beim 2:0 gegen Kamerun und dem 1:0 gegen Paraguay gab er dem Team Sicherheit. Beim 1:0 gegen die USA im Viertelfinale wuchs er über sich hinaus, beim 1:0 im Halbfinale gegen den Gastgeber Südkorea zeigte er der Welt, welchen Job ein guter Torwart beherrschen sollte. Das Magazin „Stern“ schrieb vor dem Finale: „Im 34. Jahr seines Lebens ist Oliver Kahn nicht auf dem Gipfel. Er selbst ist der Berg. Mount Kahn. Unbezwingbar.“ Wäre es doch auch im Finale von Yokohama nur so gekommen. Es ist nur von wenigen Beobachtern diskutiert worden, dass Kahn vielleicht sein Leid selbst schuld war und dass er mit dieser Tatsache der deutschen Mannschaft den Titel nahm. Kurz vor dem 0:1 von Ronaldo verletzte sich Kahn am Finger, die empfindliche Kapsel war gerissen. Schmerzverzerrt lag er am Boden. Jens Lehmann stand bereit zum Sprung. Die große Finalchance wollte Kahn nicht aufgeben. Mit lädierter Hand machte er beim nächsten Schuss den alles entscheidenden Fehler…

Seine Maxime ist der Erfolg

Kahn erklärte sein Streben, seine Einstellung zum Leistungssport wie folgt: „Meine Maxime ist der Erfolg. Und davon will ich so viel wie möglich.“ Als Kind stand Kahn mit der Bayern-Fahne trotzig im KSC-Block im Karlsruher Wildpark. Für den Karlsruher SC hatte schon sein Vater Rolf in der Bundesliga gespielt, allerdings im Mittelfeld. Mit 14 Jahren sagte Kahn, dass Nationaltorwart werden wolle. Mit 15 lernte er Simone, die Mutter seiner beiden Kinder lieben, und verriet ihr mit 16: „Ich werde Profi, das wird für dich auch schwer.“ Mit 19 Jahren trainierte er unter Winfried Schäfer in der Bundesliga. Kahn übte in Karlsruhe für die große Zukunft bei den Bayern. Er lernte mit Hass und Neid umzugehen. Spott und Häme machten ihn nicht klein, sondern stark und stärker. Mit 32 Jahren war Kahn UEFA Champions-League-Sieger. Vor dem Finale 2001 gegen Valencia in Mailand war Kahn nie als Elfmetertöter bekannt. Im San Siro hielt er drei. Ein Jahr vor dem FIFA WM-Finale gelang ihm der größte Triumph. Es war sein Gipfelsturm in 20 Jahren Bayern und Profifußball. Kahn, der im Bayern-Trikot nationalen Titel wie Briefmarken sammelte, hatte am Tag der Niederlage von Yokohama vielleicht einen Trost. Die Teilnahme an der FIFA WM 2006™. Aber die schmerzte später genauso wie die Treffer von Ronaldo.

„Klinsi“ stahl Kahn die Hauptrolle im Sommermärchen

Bundestrainer Jürgen Klinsmann machte bei der FIFA WM 2006™ im eigenen Land Jens Lehmann zur Nummer 1 und degradierte ihn, den Titan, vom Kapitän zum Bankdrücker. Dass er ein fairer Sportler ist, zeigte er in diesem Turnier. Vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien in Berlin stand er von der Bank auf und wünschte Lehmann alles Gute, machte ihm Mut. Es war eine Geste zwischen zwei großen Torhütern, die sich nie liebten, aber offensichtlich akzeptierten. Im Spiel um Platz drei zwischen Deutschland und Portugal (3:1) verhalf Kahn seinem Team zur Bronzemedaille, nachdem Klinsmann Kahn das Abschiedsmatch geschenkt hatte. Sein 86. Länderspiel war sein letztes für Deutschland. Die UEFA Europameisterschaft 2008™ sah er schon als Zuschauer. Die FIFA WM 2010™ wird er wohl für das Zweite Deutsche Fernsehen kommentieren. Mit einigen Abstand zu 2002 und 2006 sagte Kahn: „Ich habe für meine Siege hart gearbeitet. Aber die Niederlagen in meiner Karriere haben mich erst richtig stark gemacht.“

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Im September 2008 beendete Oliver Kahn seine Karriere mit einem Abschiedsspiel und einem Rekord: Kein anderer wurde acht Mal Deutscher Meister. (Foto: GES/Augenklick)