DFB-Star der FIFA WM 2006: Michael Ballack

Ballack und ein weiteres Sommermärchen ohne Happy End

Das Jahr 2006 wird in Deutschland wohl noch lange auch mit dem Begriff Sommermärchen verknüpft werden. Regisseur Sönke Wortmann begleitete zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) eine Nationalmannschaft auf dem Weg zu einer und durch eine Weltmeisterschaft. Nach seinem Spielfilm „Wunder von Bern“, den eindrucksvoll der erste Titelgewinn des DFB 1954 bei der WM in der Schweiz dargestellt wurde, dokumentierte er nun die FIFA WM 2006™. Vom FIFA Confederations Cup 2005 bis zum Abschluss des WM-Turniers für das deutsche Team erfuhren Millionen Zuschauer viele Dinge aus dem Innenleben der deutschen Mannschaft. Die wichtigsten Filmstars: Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Assistent Joachim Löw, Mannschaftskapitän Michael Ballack und die beiden jüngeren Spieler Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger. Eigentlich sollte der Sachse Ballack als Spielführer im Juli 2006 den FIFA WM-Pokal in die Höhe halten. Aber wie schon bei der FIFA WM 2002 kam es nicht dazu.

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Die WM 2006 endete für Michael Ballack mit Tränen. Der Kapitän bedankt sich nach dem 0:2 der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale gegen Italien beim Publikum in Dortmund. (Foto: GES/Augenklick)


„Balle“, wie er gerne genannt wird, wurde in Görlitz geboren, im äußersten Osten Deutschlands, an der Grenze zu Polen. Im Frühjahr 1977, ein halbes Jahr nach Michas Geburt, zogen seine Eltern Karin und Stephan Ballack von Görlitz nach Karl-Marx-Stadt. 1983 wurde Michael eingeschult. Kurz darauf meldete ihn der Vater als Fußballer bei der Betriebsgemeinschaft des Maschinenbaukombinates Motor Fritz Heckert an. Steffen Hänisch wurde damals sein erster Übungsleiter. Unter ihm trickste, dribbelte und ballerte Ballack. Perfekte Ballbehandlung, gleichstark mit beiden Beinen, treffsicher. So beschrieb ihn der Übungsleiter. Im DDR-Sportsystem war klar, dass dieses Talent zu einem Schwerpunktklub delegiert werden musste. Das war DDR-Oberligist FC Karl-Marx-Stadt. Heute heißt die Stadt wieder Chemnitz. Dies bedeutete aber auch, dass der Junge ab der 7. Schulklasse in der Sportschule jeden Tag Training und Unterricht hatte bis abends um sieben Uhr.

Die harte DDR-Schule schuf die Grundlagen

Physiotherapeut Burkhardt Wind bekam Michael zum ersten Mal 1988 als 12-Jährigen unter seine Fittiche. „Ich erinnere mich, dass er als 17-Jähriger in der A-Jugend noch einmal einen Wachstumsschub und dadurch die Kniekrankheit Morbus Schlatter hatte. Er klagte über Schmerzen.“ Ein Jahr musste Ballack aussetzen. Danach war er noch besser als vorher.

Die Pädagogin Margitta Teucher hat Ballack zum Abitur gebracht. Von ihr ist Michas Satz überliefert: „Ach, machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich werde mal Profifußballer.“ Als Ballack zwischen 17 und 18 Jahren war, holte ihn Trainer Reinhard Häfner vorzeitig aus der Jugend- in die Profiabteilung des Chemnitzer FC. Der einstige Olympiasieger verhalf am 4. August 1995 dem Jugendlichen zu seinem Profi-Debüt für den CFC. Als Chemnitz abstieg, „kletterte“ Ballack auf den Betzenberg. Otto Rehhagel machte ihn als „Roten Teufel“ in Kaiserslautern sofort zum Meister. Hier lernte Ballack auch Simone, die Mutter seiner Kinder drei kennen, die er aber erst 2008 heiratete.

Bei Bayer Leverkusen griff Ballack auch mit Christoph Daum nach dem Titel. Ein Selbsttor von ihm und eine Niederlage in Unterhaching vermasselten am letzten Spieltag im Mai 2000 alles. Ein Jahr später kam es noch schlimmer: 2002 verschenkte Leverkusen kurz vor Schluss die Meisterschaft, verlor das Finale der UEFA Champions League und auch noch das Endspiel im DFB-Pokal. Die Serie der finalen Pleiten in diesem Jahr war noch nicht zu Ende. Das FIFA WM-Endspiel in Yokohama wurde von der deutschen Nationalelf mit 0:2 gegen Brasilien verloren. Mit Ballack, sagen viele, wäre das nicht passiert. Er hatte als bester Feldspieler mit seinen Toren zum 1:0 gegen die USA und zum 1:0 gegen Südkorea das Team ins Endspiel geführt, aber im Halbfinale sah er seine zweite Gelbe Karte, wegen eines Fouls, mit dem er ein Gegentor verhinderte. Teamchef Rudi Völler sagte, Ballack habe sich für die Mannschaft geopfert. Ab 2002 unter den Bayern-Trainern Ottmar Hitzfeld und Felix Magath holte er wieder Trophäen, heimste Meister- und Pokalerfolge ein und war langsam reif für die Insel. Jose Mourinho holte ihn 2006 zu Chelsea London.

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Eines seiner wichtigsten Tore erzielte Michael Ballack (rechts) im Halbfinale der FIFA WM 2002 gegen Südkorea. In Seoul siegte die deutsche Nationalelf mit 1:0. (Foto: Kunz/Augenklick)


Unberechenbare Waffe oder Genie ohne Sieger-Gen

In all dieser Zeit festigten sich unter prominenten Weggefährten die Meinungen über Ballack. Christian Ziege sagte früh: „Der lässt sich nichts sagen, der ist schon Weltmeister.“ Franz Beckenbauer meinte einmal: „Alle anderen sind austauschbar.“ Günter Netzer urteilte: „Ballack ist in der DDR aufgewachsen. Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt.“ Oliver Bierhoff, erst Mitspieler, später Manager der Nationalelf, sagte: „Er ist ein Leader. Er hat das große Bild im Kopf, er muss die Mannschaft führen.“ Avram Grant, einer seiner Trainer bei Chelsea, erklärte: „Ballack ist eine unberechenbare Waffe.“

Ballack sagte über Ballack: „Ich bin ein Spieler, der in die Lücken geht. Ich stehe im Halbfeld, spiele Pässe, gehe hinterher, stoße in den Strafraum. Ob das modern ist? Modern ist es, zu gewinnen.“ Oft wurde die Frage gestellt: Aber ist dieser Michael Ballack ein Siegertyp? Er ist zweifelsfrei einer der besten Kopfballspieler der Welt. Sein Timing und seine Effektivität sind verblüffend, besonders als Mittelfeldspieler. Doch er galt seit der FIFA WM 2002 auch als verletzungsanfällig und auch als tragischer Held. Manchmal wurde er sogar als „ewiger Zweiter“ bezeichnet. Das kann nicht stimmen, denn er war viermal deutscher Meister und dreimal Pokalsieger. Aber er hat mehr zweite Plätze als Triumphe. Doch die meisten Fußballerspieler würden diese zweiten Plätze gerne nehmen: Vize-Weltmeister 2002, Vize-Europameister 2008, Champions-League-Finalist 2002 (Leverkusen) und 2008 (Chelsea), insgesamt fünfmal Vizemeister mit Leverkusen (2), München (1) und Chelsea (2), dazu noch einmal deutscher Pokalfinalist. Dass er ein großer Führungsspieler ist, ist jedoch unbestritten. 2004 machte ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann zum Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und entmachtete für ihn Oliver Kahn.

Mit Tränen einen Traum begraben

Im Eröffnungsspiel der FIFA WM 2006 musste Michael Ballack gegen Costa Rica aufgrund einer Wadenverletzung zuschauen. Allerdings wird die Geschichte erzählt, Klinsmann habe seinen Star draußen gelassen, der eigentlich spielen wollte. Nach der Schonung begann die FIFA WM für Ballack im zweiten Gruppenspiel gegen Polen, in der letzten Vorrundenpartie gegen Ecuador bereitete er ein Tor von Miroslav Klose vor. Beim 2:0-Achtelfinalsieg gegen Schweden kam er zu sieben Torschüssen. Es folgte ein Erfolg über Argentinien nach Elfmeterschießen, bei dem Ballack die Flanke gab, die zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich von Klose führte. Die 0:2-Niederlage im Halbfinale gegen Italien, die in den letzten zwei Minuten der Verlängerung besiegelt wurde, wurde zu einer der bittersten Stunden in der Länderspielkarriere von Ballack, die im Frühjahr 1999 begonnen hat. Als der Traum vom Titel begraben werden musste, rannen Ballack die Tränen die Wangen herab. Im Spiel um den dritten Platz, das Deutschland gegen Portugal mit 3:1 gewann, musste Ballack jedoch schon wieder pausieren. Es war ein Fest zum Abschluss der FIFA WM, aber ein dritter Platz war eben nicht der ersehnte Titel. Mit einer Jubelfeier in Berlin, einige Stunden vor dem Finale zwischen Frankreich und Italien, endete das Sommermärchen.

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Nur Anschauen nicht Anfassen: 2008 mit Chelsea gegen Manchester United verlor Michael Ballack (Mitte) zum zweiten Mal ein Endspiel der Champions League. (Foto: Firo/Augenklick)


Auch die nächsten zwei Jahre bekam Ballack keinen der großen Pokale in die Hand, aber er war wahrlich nach dran. Erst verlor Ballack 2008 mit Chelsea die englische Meisterschaft gegen Manchester United, dann unterlag er mit den Londonern auch im Finale der UEFA Champions League in Moskau dem nordenglischen Rivalen ManU. Mit dieser psychischen Belastung ging er in die UEFA Europameisterschaft 2008™ – und wurde wieder nur Zweiter. Wieder stand als „Vize“ eine eher unerwünschte Jubelfeier in Berlin auf dem Programm. Ballack fehle ein Sieger-Gen behaupteten einige Kritiker. Er dementierte und stritt sich mit Teammanager Oliver Bierhoff und anschließend, kurz nach seinem 32. Geburtstag, sogar mit Bundestrainer Joachim Löw. Immer noch hat der frühere DDR-Schüler große Ziele: Bei der FIFA WM 2010™ soll erneut der Titel ins Visier genommen werden. Und vielleicht tritt er mit 35 Jahren sogar noch einmal beim UEFA EURO™ in der Ukraine und Polen an.