WM Episode 1930 (II)
„Lulu“ oder die Anatomie des ersten FIFA WM-Tores

An einem 13. April 2005 wurde folgende Meldung auf den Nachrichtenmarkt geworfen: Sie führte zu einem Ereignis, das gut 65 Jahre zurück lag. Der erste Torschütze in der Geschichte der FIFA WM (Link zum Dokument des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA) hier) war im Spital von Besancon gestorben. Es war der Franzose Lucien Laurent, der nach Angaben eines französischen Radiosenders im stolzen Alter von 97 Jahren aus dem Leben schied. Laurent hatte im Eröffnungsspiel der ersten FIFA WM-Endrunde 1930 in Uruguay beim 4:1 der Franzosen gegen Mexiko mit einem Volleyschuss das 1:0 erzielt.

In einem der wenigen europäischen Bücher, das über diese Weltmeisterschaft von 1930 erschien, beschreibt der Herausgeber R. Keifu diesen historischen  Moment vom 13. Juli 1930 so: „Bereits nach 19 Minuten erzielten die Franzosen ihr erstes Tor. Linksaußen Langgiler lief mit dem Ball am Fuß zur Mitte und spielte Laurent mit einem Kurzpass an. Dieser umspielte durch geschickten Körpereinsatz Rosas und setzte den Ball – nur noch dem Torwart gegenüberstehend – mit einem trockenen Schuss in die Ecke des Tores.“

Lucien Laurent, in der unteren Reihe in der Mitte, mit seinen Teamkameraden. (Foto: KFGD-Archiv)

In der deutschen Fußballzeitschrift „IFFHS“ findet man 1994 von Historikern zum Geschehen auch dieses: „Das Spielfeld war sehr nass, es blies ein kalter Wind und während des gesamten Spieles hörte der Nieselregen nicht auf. Den Franzosen, die fast in einem 4:3:3 angetreten waren, schien das Wetter weniger Sorgen zu bereiten. Sie fanden schnell zu ihrem Spiel und erzielten in der 19. min durch einen Direktschuss von Lucien Laurent den Führungstreffer, der zugleich das erste Goal in der FIFA World-Cup-Geschichte war.“

Wie das Tor wirklich fiel, ist bis heute auch nicht ganz exakt überliefert. Kameras fehlten beim Auftaktspiel im kleinen „Estadio Pocitos“. Viele Angaben sind nicht eindeutig. So sprechen manche Quellen von 4000 Zuschauern, andere von 6000, im Spielbereicht der FIFA werden nur 1000 Zuschauern angegeben (Link hier). Was das Publikum genau erlebte in der 19. Minute ist nicht wirklich geklärt. Der Torschütze Laurent selbst hat der Nachwelt zwei verschiedene Entstehungsgeschichten hinterlassen.

Variante 1:

„Flanke Liberati, Pass Delfour, Volleyschuss Laurent“ – so lautete seine Version 1994.

Variante 2:

Zehn Jahre später erzählte der betagte FIFA WM-Held dagegen: „Chantrel flankt von rechts zu Langiller, der legt den Ball auf Laurent, und Laurent schießt den Ball mit einem Volley-Rückzieher ins Tor.“

Klar ist jedoch dies: Lucien Laurent wurde mit diesem Premieren-Tor kein französischer Nationalheld wie später ein Michel Platini oder ein Zinedine Zidane.

„Wir freuten uns natürlich alle über diesen Treffer“, sagte Laurent später einmal, „aber keiner hatte von uns realisiert, dass ich Geschichte gemacht hatte. Ein kurzer Händedruck, das war's, und schon ging's weiter.“ Einen Grund benannte Laurent dafür so schon selbst: „Damals war Radsport populärer und keiner wusste, ob es überhaupt eine zweite FIFA WM geben würde.“

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Auf eine Ehrung wartete Laurent jedenfalls bis zu seinem Tod auch vergebens. Es waren Journalisten italienischen Zeitung „Gazzetta dello Sport“, die ihn Jahre vor seinem Tod überhaupt noch einmal ins Rampenlicht hoben. Heute führt der französische Verband ihn auf seiner Website immerhin unter den „großen Nationalspielern von Gestern“. So viel ist sicher: Laurent wurde am 10. Dezember 1907 in Saint-Maur-des-Fossést geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Seine Kameraden nannten ihn „Lulu“. Er war nur 1,62 m groß und wog lediglich 65 kg. Der Linksfuß spielte auf der halblinken Position. Laurent war für die Vereine Cercle, Sochoux-Monbeliard, Club Francais, Muhlhouse, Stade Rennais und Straßbourg sowie Franc-Comtois Besancon im Einsatz und arbeitete für das Peugeot-Werk.

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Lucien Laurent, der Torschütze des ersten WM-Tores, mit dem früheren WM-Pokal der FIFA. (Foto: KFGD-Archiv)

In zehn Länderspielen machte er zwei Treffer, einen davon bei der FIFA WM 1930. Auch 1934 stand er im Kader der Franzosen bei der FIFA WM in Italien, wurde aber nicht eingesetzt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung spielte er als Amateur bis zum 43. Lebensjahr weiter. Danach wurde er Trainer in Besancon. 1998 erlebte er als Fan den ersten Triumph einer französischen Nationalmannschaft im eigenen Land als einziger FIFA WM-Teilnehmer von 1930.