DFB-Pokal: Tor des Lebens

Ein Schuss, ein Tor, ein Held. Immer wieder schreibt der Pokal solche Geschichten. Macht einen eben noch vollkommen unbekannten Spieler aus dem Nichts zum Fußballgott – bevor er wieder in der Versenkung verschwindet. ContiSoccerWorld stellt hier die berühmtesten „Ein-Tages-Helden“ vor.

Daniel Frahn, RB Leipzig, 2011

Den Regionalligisten RB Leipzig hatte zu Beginn des diesjährigen Pokals niemand auf der Rechnung. Auch der VfL Wolfsburg nicht, der am 29. Juli 2011 eines Besseren belehrt wurde, dank Daniel Frahn. Mit drei Toren schoss der Stürmer des Viertligisten fast im Alleingang das von Felix Magath betreute Star-Ensemble vom Platz. 3:2 endete das Spiel, die Sensation war perfekt. RB Leipzig stand in der zweiten Runde des DFB-Pokals, wurde dort allerdings vom Erstligisten Augsburg gestoppt, verlor im Oktober 2011 knapp mit 0:1. Für Daniel Frahn allerdings markiert jener Tag im Juli den sportlichen Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Ein weiterer Höhepunkt: 6 Minuten Erstligaeinsatz für Energie Cottbus 2006 im Spiel gegen Alemannia Aachen. In einem Fragebogen gab der 1987 geborene Stürmer einmal an, sein größter Wunsch sei es, gegen Christiano Ronaldo zu spielen. Mal sehen…

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Michael Stahl, TuS Koblenz

 


Michael Stahl, TuS Koblenz, 2010

61,5 Meter – diese Distanz gilt in der Pokal-Geschichte nun offiziell als ein „Stahli“. Michael Stahl, Mittelfeldspieler beim damaligen Drittligisten TuS Koblenz, erzielte aus jener Entfernung am 26. Oktober 2010 gegen den Bundesligaabsteiger Hertha BSC Berlin in der zweiten Pokalrunde das Tor seines Lebens. Ein Treffer, der danach in der ARD-„Sportschau“ zum „Tor des Monats“ und sogar zum „Tor des Jahres“ gekürt wurde. Koblenz gewann auch dank seines fulminanten Schusses in der 60. Minute am Ende mit 2:1. Michael Stahl wurde in den Medien als „Krach-Bumm-Stahli“, „Stahlinho“ und „Iron Mike“ gefeiert, seine Mannschaftskollegen aber nannten ihn fortan einfach „Fleischwurst“ – ein Koblenzer Metzger nämlich hatte zu Ehren des Helden eine exakt 61,5 Meter lange Wurst hergestellt. Stahl spielt noch heute bei der TuS, in der Regionalliga West. Für ein Fernsehteam aus Japan sollte er kürzlich übrigens das Sensationstor nachstellen – von zehn Schüssen aus gut 60 Metern landeten aber nur drei im Tor…

Reiner Schwartz, FK Pirmasens, 2006

Am 9. September 2006 empfing Regionalliga-Aufsteiger FK Pirmasens den Deutschen Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer Werder Bremen. Nach 90 Minuten stand es 1:1, und auch die Verlängerung brachte keinen Sieger hervor. Beim Elfmeterschießen wurde Torhüter Reiner Schwartz zum Helden der Rheinland-Pfälzer. Schwartz hielt gleich den ersten Elfmeter von Ivan Klasnic, und auch der dritten Schuss, getreten von Hugo Almeida, wurde vom Schlussmann gehalten. Der war eigentlich nur zweiter Torwart, hatte aber nach eigenem Bekunden zuvor noch nie ein Elfmeterschießen verloren. Das wusste natürlich auch sein Trainer… Werder verlor mit 2:4. Schwartz, dessen Marktwert gemäß Online-Portal Transfermarkt.de null Euro beträgt, ist heute 28 und spielt beim SV Edenkoben in der Bezirksliga Vorderpfalz.

Willi Kronhardt, Energie Cottbus, 1997

„Melle legt mir den Ball auf, ich trampel voll gegen die Kugel und der Ball geht genau in den Knick.“ – so kommentierte Willi Kronhardt das Tor seines Lebens. Erzielt hat er es, unter Mithilfe seines Teamkollegen Jens „Melle“ Melzig, am 15. April 1997 in der 64. Minute des Pokalhalbfinals seiner Mannschaft Energie Cottbus gegen den Bundesligisten Karlsruher SC, der mit den Stars Claus Reitmaier, Thorsten Fink und Sean Dundee antrat. Es war das entscheidende 1:0 des Drittligisten, das den späteren 3:0-Erfolg einleitete. Cottbus stand sensationell im Finale des DFB-Pokals, das allerdings 0:2 gegen den VfB Stuttgart verloren wurde. Kronhardt gilt übrigens als Pionier der „Unterhemd-Botschaft“: Nach seinem Tor riss er sein Trikot hoch und präsentierte ein Hemd mit der Aufschrift "Jule", dem Namen seiner Freundin. Glück brachte dieser Trick allerdings nicht, die Beziehung soll kurz darauf in die Brüche gegangen sein. Kronhardts Karriere kam zuletzt ins Stocken, bis 2010 war er Co-Trainer bei Alemannia Aachen.

Rudi Thömmes, Eintracht Trier, 1997

Amateurligist Eintracht Trier nahm sich Cottbus zum Vorbild und bescherte der folgenden Pokal-Saison 1997/98 gleich zwei Sensationen – und in beiden Fällen war Rudi Thömmes das Gesicht zum Ergebnis. Erst sorgte sein Tor zum 1:0-Endstand in der zweiten Runde für das Ausscheiden des damals frisch gebackenen UEFA-Cup-Siegers Schalke 04. Einen guten Monat später gelang es der Nummer 10 der Trierer auch noch, durch ein Tor und einen herausgeholten Elfmeter den aktuellen Champions-League-Gewinner Borussia Dortmund im Achtelfinale mit 2:1 aus dem Wettbewerb zu befördern. Erst im Halbfinale wurde der Höhenflug vom MSV Duisburg gestoppt, der dann im Finale knapp Bayern München unterlag. Thömmes, in Trier geboren, ist seiner Stadt und seinem Verein treu geblieben: In der Saison 2010/2011 heuerte er als Co-Trainer bei der Eintracht an.

Jürgen Welp, SpVgg Beckum, 1995

In der ersten Runde des DFB-Pokals stand 1995 der Viertligist SpVgg Beckum dem Bundesligisten 1. FC Köln gegenüber. Vor 5700 Zuschauern im ausverkauften Stadion stand es nach 120 Minuten 0:0. Das Elfmeterschießen bedeutete den großen Auftritt des Beckumer Schlussmannes Jürgen Welp. Er hielt den entscheidenden fünften Schuss von Kölns Bruna Labbadia – und machte damit den Sieg perfekt. Welp wurde auf Händen vom Platz getragen, Kölns Trainer Morten Olsen hingegen entlassen. Übrigens konnte Beckum auch dank einer herausragenden Torwartleistung überhaupt erst im DFB-Pokal antreten. Im Finale um den Westfalenpokal, der zur Teilname am DFB-Pokal berechtigte, hatte man 4:2 im Elfmeterschießen gegen die SpVgg Erkenschwick gewonnen, Welp hielt zwei Schüsse. Heute arbeitet die Torwartlegende als Schwimmbadtechniker.

Roland Stein, Vestenbergsgreuth, 1994

Oliver Kahn stand verdattert da, Lothar Matthäus hielt sich ungläubig die Hand vor den Mund. Es war der 14. August 1994, und, ganz nebenbei, das Pflichtspieldebüt des neuen Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni. Es ging für den FC Bayern München, der mit Scholl, Helmer und dem brasilianischen Nationalspieler Jorginho angereist war, in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Vestenbergsgreuth aus Mittelfranken, damals Drittligist – und der in Sachen Einwohnerzahl mit 360 Dorfbewohnern kleinste Pokalteilnehmer der DFB-Geschichte. Und dennoch: In der 43. Minute traf Roland Stein per Kopf und besiegelte Bayerns Schicksal. Stein war seinerzeit Betriebsschlosser in einer Teefirma, und findige Fans kreierten daraufhin die Teesorte „1:0“, die noch heute im Fanshop des Nachfolgevereins Greuther Fürth vertrieben wird. Stein, der seine Karriere 2003 bei Schweinfurt 05 beendete, arbeitet als Landwirt in Strullendorf. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er tausend Mastschweine. Außerdem ist er Spielertrainer des A-Klassisten DJK Mistendorf.

Gerd Störzer, VfB Eppingen, 1974

Der 26. Oktober 1974 war ein schwarzer Tag für den HSV – obwohl und vielleicht auch gerade weil HSV-Stürmer Georg Volkert vorab getönt hatte. „Das sind doch blutige Amateure. Die schicken wir mit einer Packung in die Kabine.“ Doch der Amateurligist VfB Eppingen spielte da nicht mit. Eppingens Fans konnten am Ende aus vollem Halse „So ein Tag, so wunderschön…“ singen. Der damals 26-jährige Student Gerd Störzer brachte den HSV zu Fall. Er schoss zwei Tore und am Ende stand auf der Anzeigetafel 2:1 für seinen VfB Eppingen. „Kraichgau-Bomber“ Störzer bekam einen Auftritt im Sportstudio und verriet Moderator Dieter Kürten, dass man nur zwei Mal pro Woche trainiere, „das reicht“. Und es stimmte: Auch die dritte Runde überstand man gegen den SV Sandhausen, bevor dann das 0:2-Aus gegen Werder Bremen kam. Doch genau so schnell wie Störzer kam, verschwand er auch wieder von der großen Fußballbühne. Er arbeitete noch als Trainer auf Verbandsligaebene, beendete nebenbei erfolgreich sein Studium in Deutsch und Sport und wurde Lehrer an der Willy-Brand-Realschule in Königsbach-Stein.