"Wenn im Pokal der Puls rast und die Knie zittern..." - Interview mit Sportpsychologin Jeannine Ohlert

Der DFB-Pokal lebt von sportlicher Leidenschaft, vom K.o.-Prinzip und von Überraschungen – wenn zum Beispiel Amateur-Mannschaften Top-Teams aus dem Wettbewerb schießen. Warum auch Superstars im Pokal zu Fußballzwergen schrumpfen können und welche Rolle der Kopf dabei spielt, darüber sprach ContiSoccerWorld mit der Psychologin Jeannine Ohlert von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

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Frage: Frau Ohlert, bei jedem DFB-Pokal-Spiel sagt der Reporter mindestens einmal die Floskel "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze". Was denken Sie, wenn sie das hören?

Ohlert: Das klingt natürlich erst einmal abgedroschen. Es gelten aber insofern tatsächlich eigene Gesetze, als im Pokal extreme Voraussetzungen zum Tragen kommen. Denn anders als in der Bundesliga ist eine Mannschaft nach einer Niederlage sofort draußen. Der Erfolgsdruck, der auf den Spielern lastet, ist daher schon etwas Besonderes – und das hat Auswirkungen.

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Jeannine Ohlert, Teampsychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln

Frage: Im Pokalwettbewerb gibt es immer wieder die "David gegen Goliath"-Situation, und immer wieder schlägt tatsächlich ein kleiner Verein einen Favoriten aus dem Oberhaus. Können Amateure besser mit Druck umgehen?

Ohlert: Pokalspiele sind Highlights. Alleine schon der Termin unter der Woche bedeutet für die meisten Vereine eine Ausnahmesituation. Und jedem Spieler ist wirklich bewusst: Schlage ich heute Bayern München, bin ich der Held der Nation. Die Spieler müssen vergleichsweise wenig leisten, um etwas Großes zu schaffen. Und was für die großen Mannschaften zusätzlichen Druck bedeutet, das setzt bei Dorfvereinen eine extra Portion Willen frei.

Frage: Wenn ich als Spieler aus einer unteren Liga in einem Spiel gegen Bayern München antrete, baut sich da nicht auch eine unfassbare Nervosität auf?

Ohlert: Das ist völlig richtig und auch der Normalfall. Deshalb ist die Floskel der "eigenen Gesetze" ja auch sehr aufgebauscht. Wir wissen ja, dass die meisten Spiele in Wirklichkeit so ausgehen, wie man es erwartet. Aber es gibt eben die Ausnahmen.

Frage: Wovon hängen die ab? Wie können es die kleinen Vereine schaffen, zu gewinnen?

Ohlert: Das hat viel mit Gruppendynamik zu tun. Der Glaube an die Chance und die eigene Stärke ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Zudem kann jede Mannschaft durch eine professionelle Vorbereitung lernen, sich auf die außergewöhnliche Situation mit beispielsweise 50.000 Zuschauern und enormem Presserummel einzustellen. Allerdings passiert das leider viel zu wenig.

Frage: Die psychologische Komponente ist im Pokal also besonders wichtig. Was würden Sie unterklassigen Mannschaften vor einem Pokalmatch empfehlen?

Ohlert: Ich würde jedem Trainer empfehlen, in den Wochen vor einem wichtigen Spiel einen Sportpsychologen ins Team zu holen. Ein Sportpsychologe kann die Mannschaft systematisch vorbereiten, am Teamgeist arbeiten und das Bewusstsein für die eigenen Stärken hervorheben. Denn neben technischen Fähigkeiten zeigt sich der Klassenunterschied oft im absoluten Wollen. Technische Mängel können durch hundertprozentige Laufbereitschaft und gegenseitiges Helfen oft ausgeglichen werden. Wenn die Spieler dies verinnerlichen, ist die Mannschaft schon sehr weit.

Frage: Wie sieht die Arbeit eines Sportpsychologen in der Praxis dann aus?

Ohlert: Das ist sehr abhängig von der Mannschaft und den Zielen des Trainers. Grundsätzlich funktioniert Sportpsychologie aber in den seltensten Fällen als Frontalunterricht. Viel spielt sich in Übungen ab, in denen das Team sich ein Selbstbewusstsein erarbeitet. Wichtig ist, dass sich die Mannschaft konkrete Ziele setzt. Dabei geht es nicht darum zu sagen: "Wir wollen Bayern München schlagen". Vielmehr kann ein gemeinsames Selbstverständnis definiert werden: Wir werden füreinander rennen, wir stehen füreinander ein.

Frage: Nun arbeiten ja viele Bundesligisten dauerhaft mit Sportpsychologen zusammen...

Ohlert: Sie werden überrascht sein, aber so ist das nicht. Kaum ein Bundesligist beschäftigt dauerhaft einen Sportpsychologen. Es ist erstaunlich, wie unprofessionell auf diesem Feld nach wie vor gearbeitet wird. In der Bundesliga geht es um riesige Geldbeträge, aber das Honorar für einen Sportpsychologen wird selten investiert. Der FC Sevilla in Spanien beschäftigt elf Sportpsychologen, die ab den Jugendmannschaften die Teams betreuen. Immerhin hat es der FC Sevilla geschafft, mit einem relativ geringen Etat im Jahr 2007 den UEFA-Pokal zu gewinnen.

Frage: Deshalb wird auch bei den DFB-Teams auf Sportpsychologen gesetzt?

Ohlert: Richtig, sowohl bei den Herren als auch Frauen. Besonders vor Turnieren wird am Teambuilding gearbeitet. Die Spieler verbringen ansonsten wenig Zeit miteinander, daher hat Joachim Löw aus meiner Sicht eine gute Philosophie, wenn er die Nationalmannschaft vor den Turnieren zusammenkommen und auch sportpsychologisch arbeiten lässt.

Frage: Zurück zum Pokal: Wie muss eine mit Stars gespickte Mannschaft auf einen kleineren Club, der sich bis zur letzten Sekunde zerreißen wird, vorbereitet werden?

Ohlert: Der Mensch ist nun mal faul. In Gruppen lässt er sich automatisch hängen, wir nennen das "soziales Faulenzen". Als menschliches Verhalten macht das auch durchaus Sinn, in einem Pokalspiel jedoch darf sich keiner hängen lassen. Damit das in einer erfolgsverwöhnten Mannschaft nicht passiert, kann ich als Trainer beispielsweise mit individuellen Zielen arbeiten: Den Verteidigern etwa gebe ich konkrete Erwartungen an ihre Zweikampfwerte mit auf den Weg – eventuell mit der Androhung von Konsequenzen, falls diese nicht erreicht werden.

Frage: Kassiert ein Favorit in einem Pokalspiel unerwartet einen Gegentreffer, hat man manchmal das Gefühl, die Spieler gerieten in einen Schockzustand. Was passiert da in den Köpfen?

Ohlert: Eine sehr interessante Frage, zu der es aktuell noch keine Forschung gibt. Allerdings wird vermutet, dass eine "emotionale Ansteckung" passiert. Das bedeutet, dass sich die Niedergeschlagenheit der Führungsspieler auf die gesamte Mannschaft überträgt. Eine Profimannschaft sollte jedoch nicht einknicken, wenn sie denn von den fußballerischen Fähigkeiten tatsächlich besser ist als der Gegner. Hier muss die Einstellung stimmen. Eigentlich ist der Umgang mit dem Erwartungsdruck ja einer der großen Unterschiede zwischen einem Bundesliga- und Oberligaspieler: Der Profi kann auch vor 50.000 pfeifenden Zuschauern noch den Freistoß verwandeln, während beim Amateur die Nerven versagen.

Frage: Ist das Gewöhnungssache, oder kann der Profi den Druck von außen einfach ausblenden?

Ohlert: Das ist typabhängig. Idealerweise hat der Spieler es mal gelernt, und genau das kann die Sportpsychologie leisten: Menschen beizubringen, mit solchen Situationen umzugehen. In der Praxis jedoch wird dies in kaum einer Spielerausbildung gelehrt. Daher setzen sich nur die durch, die von Natur aus die Gabe besitzen, Druck ausblenden zu können. Deshalb ist unser Credo, dass die Sportpsychologie bei den Talenten anfangen sollte.

Frage: Das Elfmeterschießen ist im Pokal eine zusätzliche Extremsituation. Wie kann der Schütze beim Elfmeter die Psychologie für sich nutzen?

Ohlert: Man kann da zwei Typen unterscheiden: Der eine schafft es, den Kopf auszuschalten – oder zumindest so zu nutzen, dass ihn keine Gedanken im entscheidenden Moment stören. Der andere Typ weiß den Kopf so einzusetzen, dass es zusätzlich hilft. Das kann durchaus trainiert werden. Wer sich an den Film "Sommermärchen" über die WM 2006 erinnert, weiß, wie die Nationalspieler die Elfmetersituation simuliert haben. Ein Sportpsychologe kann mit den Spielern erarbeiten, wie man damit umgeht, wenn der Puls rast, oder die Knie zittern