FIFA WM Deutschland 2006™ Teilnehmer: Ghana
|
Ghana erntet die Früchte glänzender Jugendarbeit Am Abend des 8. Oktober 2005 herrschte Ausnahmezustand an der westafrikanischen Goldküste. 21 Millionen Ghanaer feierten ausgelassen die erste Qualifikation ihrer Nationalmannschaft, der „Black Stars“, für eine Fußball-Weltmeisterschaft. In den Millionen-Metropolen Accra und Kumasi tanzten die Menschen ausgelassen auf den Straßen und Staatspräsident John Agyekum Kufuor ließ es sich nicht nehmen, die Fußball-Helden seines Landes nach dem entscheidenden 4:0 auf den Kapverdischen Inseln mit seinem Privatjet abzuholen und mit ihnen eine rauschende Party zu feiern. Hier finden Sie weitere Informationen über den Star der Mannschaft ... |
|
|
Für das hochverschuldete schwarzafrikanische Land, Nachbar der beiden anderen WM-Teilnehmer Togo und Elfenbeinküste, ist die WM-Qualifikation ein nationaler Glücksfall. Durch politische Misswirtschaft im vergangenen Jahrhundert steht die seit 1957 unabhängige frühere britische Kolonie, heute Mitglied des Commonwealth, seit Jahren am Rande des Ruins. Hinzu kam der Preisverfall bei Kakao, dem zweitwichtigste Devisenbringer des Landes nach Gold. Jetzt sorgten die Fußballer für ein neues „Wir-Gefühl“ im Land, von dem sich viele auch einen wirtschaftlichen Aufschwung versprechen. |
|
![]() „Sammy“ Kuffour, hier mit dem DFB-Pokal, spielte sieben Jahre für Bayern München, ehe er im Sommer 2005 zu AS Rom wechselte. Der Verteidiger hofft auf seine WM-Teilnahme. Foto: GES/Augenklick |
|
Schließlich ließ man in der Qualifikation mit Südafrika, dem WM-Gastgeber 2010, den Top-Favoriten in der Afrika-Gruppe 2 souverän hinter sich. Mit 3:0 und 2:0 gewann Ghana die direkten Duelle. Und auch die Demokratische Republik Kongo, das frühere Zaire, konnte den Triumphzug der „Goldgelben“, die momentan von vielen Experten neben der Elfenbeinküste für die spielstärkste Mannschaft des Kontinents gehalten werden, nicht mehr stoppen. Großen Anteil daran hat der serbische Trainer Ratomir Dujkovic. Der 59-Jährige war bereits erfolgreich als Nationalcoach in Ruanda tätig, bevor er im Dezember 2004 das Traineramt in Ghana antrat. Zu diesem Zeitpunkt, die Hälfte der Qualifikation war absolviert, rangierte Ghana einen Punkt hinter Südafrika. Dujkovic griff sofort zum „eisernen Besen“ und legte sich mit einigen Stars an, darunter auch Samuel Osei Kuffour (29), den damaligen Verteidiger des FC Bayern München, der heute beim AS Rom spielt. Aus disziplinarischen Gründen strich Dujkovic Kuffour mehrfach aus dem Kader, zuletzt beim entscheidenden Match auf den Kapverdischen Inseln. Damit stärkte er allerdings den Mannschaftsgeist. Ein Unentschieden und vier Siege in Folge in der „Rückrunde“ dokumentieren die Überlegenheit des aktuellen Weltranglisten-62. (September 2005), der nur das Auftaktmatch in Burkina Faso verlor und am Ende mit fünf Punkten Vorsprung Gruppensieger wurde. Großartige Einzelspieler hatte Ghana schon häufiger. Allen voran Abedi Pele, von 1991 bis 1993 dreimal Afrikas Fußballer des Jahres, 1993 mit Olympique Marseille Champions-League-Sieger, zwischen 1996 und 1998 50 Mal für 1860 München in der Bundesliga am Ball und höchster Ordenträger seines Landes („Order of the Volta“). Oder Anthony Yeboah, der in den 90er Jahren für Eintracht Frankfurt und den Hamburger SV 96 Tore in 223 Spielen erzielte und zweimal zum deutschen Bundesliga-Torschützenkönig avancierte. Doch der Mannschaftsgedanke ist neu im ghanaischen Fußball. „Gute Spieler hatten wir zu allen Zeiten, aber erst unsere Generation ist zu einer herausragenden Mannschaft gewachsen“, sagt der Superstar des Teams, der 22 Jahre alte Mickaël Essien vom FC Chelsea London. |
|
![]() Mickael Essien, hier im Trikot von Olympique Lyon, ist der Topstar von Ghana. Für den sehr dynamischen, torgefährlichen Akteur zahlte der FC Chelsea 38 Millionen Euro an Lyon. FOTO: GES/Augenklick |
|
Für sage und schreibe 38 Millionen Euro wechselte der Defensivspieler, der aus der Jugend des SC Bastia hervorging, im Sommer 2005 von Olympique Lyon an die Stamford Bridge. Laut seinem Agenten Fabien Piveteau lagen dem Mittelfeldspieler auch Angebote von Manchester United, Real Madrid, FC Barcelona, Arsenal London und Juventus Turin vor. Essien steht trotz aller Lobeshymnen, die ihn bereits zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt erkoren haben, mit beiden Füßen auf dem Boden. "Wenn manche Leute behaupten, ich sei auf dieser Position der Beste der Welt, dann glaube ich das einfach nicht. Aber es stimmt, ich bin gerade dabei meine kühnsten Träume zu verwirklichen", verriet Essien der französischen Zeitung L'Equipe. Sein kongenialer Partner im Mittelfeld ist Stephen Appiah (24). Der Kapitän ist für den offensiven Part zuständig. Er wechselte im Sommer für 8 Millionen Euro Ablöse von Juventus Turin zu Christoph Daums Club Fenerbahce Istanbul in die türkische „Süper Lig“. Neben den beiden Superstars hat sich auch ein Youngster ins Blickfeld der Öffentlichkeit geschoben: Sulley Ali Muntari. Der 21 Jahre alte und 1,80 Meter lange Rechtsfuß von Udinese Calcio gehört beim italienischen Champions-League-Teilnehmer längst zum Stammpersonal. Bereits als 16-Jähriger zählte Muntari 2001 zum ghanaischen U-20-Team, das in Argentinien Vizeweltmeister wurde. Seine Dynamik erinnert gelegentlich an Brasiliens Kaka, seine Spielintelligenz ist mit der des holländischen Strategen Edgar Davids vergleichbar. Im Angriff ist der 19-jährige Asamoah Gyan vom FC Modena eine feste Größe. Gyan und Appiah (je 4) sowie Essien (3) erzielten auch den Großteil der 17 Qualifikationstore. Ihm zur Seite stürmt meistens Matthew Amoah, 24, von Vitesse Arnheim. Im Hintergrund steht mit Augustine Ahinful (31, Ankaragücü) einer von nur drei (!) Spielern im erweiterten Kader bereit, die älter als 30 Jahre sind. In der Abwehr sind Kuffour, John Mensah (22) von Chievo Verona und Emmanuel Pappoe (29, Moadan Sport Ashdod/Israel) feste Größen. Mit Hans Sarpei (VfL Wolfsburg) und Ibrahim Tanko (SC Freiburg) kamen auch zwei weitere, in Deutschland tätige Bundesliga-Spieler in der Qualifikation zum Einsatz. Auf der „Warteliste“ stehen Isaac Boakye (Arminia Bielefeld) und Lawrence Aidoo (Energie Cottbus). Mit der WM-Qualifikation erntet der ghanaische Fußballverband GFA (Ghana Football Association) endlich die Früchte seiner hervorragenden Jugendarbeit, mit den Weltmeistertiteln für die U-17 (1991 und 1995) sowie den beiden Vizeweltmeisterschaften der U-20 (1993 und 2001). Und die Erfolge zahlen sich auch in barer Münze aus: Der Mitte Oktober abgeschlossene Dreijahres-Ausrüstervertrag mit dem deutschen Sportartikelhersteller „Puma“ spült der GFA ab 2006 rund zehn Millionen Euro in die Kasse. Fröhliche Weihnachten wird es für die Kicker allerdings nicht geben. Im Januar steht in Ägypten der „Africa Nations Cup“, die Afrika-Meisterschaft, auf dem Programm. Und dort will sich Ghana zum fünften Mal insgesamt und erstmals seit 24 Jahren wieder in die Siegerliste eintragen. Deshalb bittet Coach Dujkovic sein Team bereits vier Wochen vorher, ab 19. Dezember, ins Trainingslager. Damit das Malheur von 2004 korrigiert wird, als Ghana bereits in der Qualifikation an Ruanda scheiterte, dessen damaliger Coach Ratomir Dujkovic hieß. Denn eines weiß der Trainerfuchs nur allzu gut: ein sicheres Ruhekissen ist der Trainerjob an der Goldküste nicht. In der 47-jährigen Verbandsgeschichte wurden bereits 31 Trainer verschlissen. Unter ihnen mit Karl-Heinz Marotzke (1968-70), Karl Weigang (1974-75), Rudi Gutendorf (1986-87), Burkhard Ziese (1990-92 und 2003), Otto Pfister (1993) und zuletzt Ralf Zumdick (2003-2004) auch sechs Deutsche. |

