FIFA WM Deutschland 2006™ Teilnehmer: Costa Rica
|
Costa Rica: Die „Schweizer“ aus Mittelamerika erobern die Fußball-Welt Unter Touristen gilt Costa Rica („Reiche Küste“) inzwischen als Geheimtipp. Kein Wunder: Die "Schweiz Mittelamerikas" ist ein unkompliziertes und angenehmes Reiseziel, der Lebensstandard ist höher als in allen Nachbarländern, die Armee wurde abgeschafft und fast ein Drittel der Landesfläche steht unter Naturschutz. Doch der Tropenstaat, der ungefähr so groß ist wie das deutsche Bundesland Niedersachsen, aber nur halb so viel Einwohner hat (vier Millionen), bietet mehr als Regenwälder, Wasserfälle und schneeweiße Strände. Zum Beispiel eine außergewöhnliche Fußball-Mannschaft, die 2006 in Deutschland zum dritten Mal an einer WM-Endrunde teilnehmen wird. Hier finden Sie weitere Informationen über den Star der Mannschaft ... |
|
|
Bei den beiden ersten Ausflügen in die große, weite Fußballwelt konnten die „Ticos“, wie sich die Einwohner des Landes in Abkürzung des umständlichen „costarricense“ selbst nennen, die Fußballfreunde begeistern. Schon beim WM-Debüt 1990 in Italien mischten die frechen Kicker aus Mittelamerika unter der Regie von Trainer-Legende Bora Milutinovic die etablierte Konkurrenz mächtig auf. Nach Siegen über Schottland (1:0) und Schweden (2:1), bei einer Niederlage gegen Brasilien (0:1), zog die Elf ins Achtelfinale ein, wo die Tschechoslowakei (1:4) Endstation war. Zwölf Jahre später in Japan und Südkorea begeisterte der Außenseiter mit schwungvollem Angriffsfußball, besiegte China 2:0, spielte 1:1 gegen den späteren WM-Dritten Türkei und lieferte sich mit Brasilien (2:5) eines der unterhaltsamsten Turnierspiele. Am Ende musste das Team der Türkei nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz den Vortritt lassen. Die fußballverrückten Costaricaner lieben ihre Kicker, obwohl diese in der 84-jährigen Geschichte des Fußball-Verbandes FCF (Federación Costarricense de Fútbol) noch nie einen wichtigen internationalen Titel errungen haben. Lediglich drei wenig weltbewegende CONCACAF-Meisterschaften (1963, 1969, 1989) schmücken den Briefkopf. Aber die Erwartungen sind mittlerweile hoch. Das bekam in der Qualifikation zur WM 2006 Trainer Steve Sampson zu spüren, der nach der WM 2002 den überaus beliebten Alexandre Guimaraes abgelöst hatte. Nachdem die „Ticos“ in der ersten Qualifikationsrunde gegen Kuba (1:1 und 2:2) fast ausgeschieden wären und nur dank der auswärts mehr erzielten Treffer weiterkamen, wurde der Amerikaner im Juni 2004 kurzerhand gefeuert. |
![]() Der Weltenbummler unter den Trainern hat auch einmal Station in Costa Rica gemacht. Der Serbe Bora Milutinovic führte die „Ticos“ bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Foto: Kunz/Augenklick |
|
Sein Nachfolger auf der Kommandobrücke wurde im August 2004 der Kolumbianer Jorge Luis Pinto (52), der sich allerdings ebenfalls mehr schlecht als recht durch die erste Gruppenphase der WM-Ausscheidung in Nord- und Mittelamerika (CONCACAF) wurschtelte. Zwei Auftaktniederlagen gegen Honduras (2:5) und in Guatemala (1:2) folgten drei Siege und ein 0:0 zum Abschluss beim Erzrivalen Honduras – ein Gegentor hätte das Aus bedeutet. In der entscheidenden dritten Gruppenphase zog der Verband nach drei Spieltagen erneut die Reißleine. Vorausgegangen war ein deprimierendes 0:0 in Trinidad-Tobago. Endlich kehrte Volksheld Guimaraes (45) auf die Trainerbank zurück, ein aus Brasilien stammender Costaricaner, international ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Dank eines fulminanten Endspurts mit drei Siegen in den letzten vier Spielen und zweier überaus glücklicher Last-Minute-Erfolge (2:1 gegen Panama, 3:2 gegen Guatemala) reichte es doch für das WM-Ticket, als Gruppendritter hinter den USA und Mexiko. Auf dem Weg nach Deutschland wurden auch Rückschläge weggesteckt. Zum Beispiel der tragische Verkehrsunfalltod von Stürmer Whayne Wilson im Mai 2005. Oder das „Geisterspiel“ vor leeren Rängen gegen Panama, nachdem es im Match zuvor gegen Mexiko zu Zuschauerausschreitungen gekommen war. Oder das frühe Aus beim Gold-Cup 2005, der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft, im Viertelfinale gegen Honduras (2:3). Am Ende jedoch waren alle wieder versöhnt. Beim entscheidenden 3:0 über die USA am 8. Oktober gab es in den letzten Minuten von den 18.000 Zuschauern im Estadio Ricardo Saprissa von San José stehende Ovationen für das Team. "Wir haben unser Ziel dank der harten Arbeit und des Einsatzes der Spieler und des Trainerstabes erreicht, aber es war alles andere als leicht", erklärte Guimaraes. "Diese gelungene Qualifikation beweist die Leistungsfähigkeit und Qualität der Fußballer Costa Ricas. Umjubelter Liebling der ganzen Nation ist der einzige wirkliche Star des Teams: Paulo Wanchope. Mit der sagenhaften Bilanz von 43 Toren in 67 Länderspielen ist der 29-Jährige Rekordtorschütze seines Landes. In der Qualifikation war er achtmal erfolgreich. Der 1,93 Meter lange Angreifer war von 1997 bis 2004 bei Derby County, West Ham United und Manchester City in England aktiv. Nach einem Spanien-Abstecher zum FC Malaga in der vergangenen Saison erlag er im Sommer 2005 dem Lockruf der Petrodollars aus Katar und heuerte beim Club Al-Gharafa an. Eines von Guimaraes’ Erfolgsrezepten war es sicherlich, den von seinen Vorgängern Sampson und Pinto mit Gewalt vorangetriebenen Verjüngungsprozess zu stoppen. „Guima“ setzte vorrangig auf Spieler, die bereits 2002 dabei waren. Darunter die Abwehrrecken Jervis Drummond, Luis Marin, Harold Wallace und Gilberto Martinez, die Mittelfeldstrategen Mauricio Solis und Walter Centeno sowie die Stürmer Paulo Wanchope, Ronald Gomez und Winston Parks. Das Wechselspiel führte unter dem Strich dazu, dass insgesamt 41 Spieler in der Qualifikation eingesetzt wurden. In Europa sind die „Ticos“ mit Ausnahme von Wanchope kaum bekannt. Die meisten spielen in der costaricanischen Liga bei den Spitzenclubs Deportivo Saprissa, CS Herediano und LD Alajuelense. Einige verdienen ihr Geld im Ausland: Pablo Chinchilla (26, Los Angeles Galaxy), Douglas Sequeira (28, CD Chivas) und Andy Herron (27, Chicago Fire) kicken in der US-Profiliga, Oscar Rojas (26) bei Dorados de Sinaloa in Mexiko. In Europa spielen derzeit nur noch drei: Abwehrchef Gilberto Martinez (26) bei Brescia Calcio in Italien, Steven Bryce (28) bei Anorthosis Famagusta auf Zypern und Stürmer Winston Parks (24) hat es über Ascoli Calcio und Lok Moskau zu FK Saturn Ramenskoje in Russland verschlagen. |
