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Teil 30: Andrea Pirlo: Der Regisseur Italiens, der „sanfter Staubsauger“ genannt wird

Beim dreimaligen Weltmeister Italien hat während der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ ein Spieler seine Aktionen deutlich steigern können. Andrea Pirlo, für den die „Azzurri“ einen netten Begriff erfunden haben. „Der sanfte Staubsauger“ wird der Mann vor der Abwehr genannt. Der zierliche Norditaliener, der am 19. Mai 1979 in Brescia geboren wurde, nimmt bei den Italienern die Rolle ein, die im deutschen Team Torsten Frings ausfüllt.

Beim Halbfinal-Duell zwischen Italien und Deutschland am Dienstag in Dortmund wird es zur Begegnung von Frings und Pirlo kommen. Der Italiener ist in der „Squadra Azzurra“ das Nadelöhr für den Gegner und zugleich der Dirigent in den eigenen Reihen. Er ist der Tempomacher. Und weil der Profi des AC Mailand das Spiel des Gegners lesen kann wie kein Zweiter, ist er sogar zu einem Spielmacher gereift. Er fängt nicht nur Bälle ab, sondern verteilt sie mit seinen ausgezeichneten Pässen auch noch sehr klug. „Wenn ich mit ihm trainiere oder spiele, denke ich manchmal, ich kann nicht Fußball spielen“, sagte Gennaro Gattuso, sein rustikaler Nebenmann im Verein und der Nationalelf.

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Andrea Pirlo ist der heimliche Spielmacher der Italiener. Der Mittelfeldspieler des AC Mailand agiert vor der Abwehr als „sanfter Staubsauger“ und Regisseur. (Foto: GES/Augenklick)

Einen denkwürdigen Auftritt hatte Pirlo als 22-Jähriger im Dortmunder Westfalenstadion, als er am 4. April 2002 mit dem AC Mailand 0:4 im Halbfinale des UEFA-Cups unterging. Pirlo war noch einer der besseren „Rossoneri“, aber allein auf weiter Flur. Dass er für den Berlusconi-Club spielte, war keine Selbstverständlichkeit, denn Pirlo war Fan von Inter Mailand und wähnte sich eigentlich am Ziel seiner Träume angekommen, als er im Sommer 1998 von Brescia Calcio, seinem Heimatverein zu Inter wechselte. Aus dem Traum wurde ein Alptraum. Dabei hat es Pirlo nicht unbedingt nötig, sein Geld als Fußball-Profi zu verdienen, denn er stammt aus reichem Hause. Seine Eltern besitzen mehrere Stahlfabriken.

Das schmächtige Kerlchen, das mit 16 Jahren in der ersten Mannschaft von Brescia debütiert hatte, wurde von Inter als hängende Spitze verpflichtet. Der Junior, der mit der U-21-Auswahl Italiens 2000 UEFA Europameister wurde und im Finale zwei Tore gegen die Tschechien (2:1) erzielte, übernahm die Rolle, die heute in der Nationalmannschaft Francesco Totti oder Alessandro Del Piero interpretieren. Doch bei seinem Herzensverein Inter scheiterte das Talent, der damals sogar mit dem Brasilianer Zico verglichen wurde. Er sei zu schüchtern und zu brav, hieß es. Der Stab war über ihn bei Inter schnell gebrochen.

Nach einem Jahr des Frusts wurde Pirlo an den Liga-Konkurrenten Reggina Calcio ausgeliehen. Auch ein zweiter Versuch, sich bei Inter durchzusetzen, ging schief. In der Rückrunde der Saison 2000/01 wurde Pirlo erneut ausgeliehen. In der Heimat, im gewohnten Umfeld Brescia, ging sein Stern endlich auf. Der dritte Wechsel in die Metropole folgte im Sommer, aber im Sommer 2001 geht es nicht mehr zu Intern, sondern dieses Mal zum Stadtrivalen Milan. Die Rot-Schwarzen zahlten an die Blau-Schwarzen eine Ablösesumme von 18 Millionen Euro.

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Der 26 Jahre alte Pirlo ist auch ein ausgezeichneter Freistoßschütze. Hier erzielt der Norditaliener aus Brescia gegen Ghana das erste FIFA WM-Tor der Italiener. (Foto: GES/Augenklick)


Unter Trainer Carlo Ancelotti brachte Pirlo endlich die Leistung, die von ihm erwartet wurde, allerdings in einer neuen Rolle. Wegen seines guten Auges landete der 1,78 Meter große und 68 Kilogramm leichte Techniker in der zentralen Rolle vor der Abwehr, die er nun auch in der Nationalmannschaft inne hat. 2003 gewann er mit Milan die UEFA Champions League, ein Jahr später den „Scudetto“, die italienische Meisterschaft. Eine Bronzemedaille brachte Pirlo von den Olympischen Spielen in Athen 2004 mit nach Hause.

In der Nationalelf debütierte er am 7. September 2002 gegen Aserbaidschan. Fünf Tore bei 29 Länderspieleinsätzen sind keine schlechte Quote für einen Mittelfeldspieler. Pirlos erstes Großturnier war die UEFA EM 2004™, bei der die Italiener nach der Vorrunde unter der chaotischen Führung von Giovanni Trapattoni heimfahren mussten. Bei der FIFA WM in Deutschland erzielte er das erste Tor für Italien, ein fulminanter Weitschuss beim 2:0-Sieg über Ghana. Zum besten Spieler der Partie gewählt, trat auf der Pressekonferenz ein spezieller Wesenzug von Pirlo zu Tage. Der Norditaliener ist ausgesprochen wortkarg. Interviews geht er am liebsten aus dem Weg. „In ihm habe ich einen stillen Chef auf dem Platz gefunden, der seine Füße für sich sprechen lässt“, sagte Lippi einmal über Pirlo, der auch ein exzellenter Freistoßschütze ist.

Nach der Rot-Sperre für Daniele De Rossi nach dem zweiten Vorrundenspiel gegen die USA (1:1) in Kaiserslautern, war Nationaltrainer Marcello Lippi gezwungen, umzustellen. Neben Pirlo haben sich im Mittelfeld Simone Perrotta (rechts) und Gattuso, der mit Pirlo U-21-Europameister geworden war, herauskristallisiert. Seinen Landsleuten rät der Familienvater, Zuversicht und Ruhe zu bewahren. „Macht euch keine Sorgen“, sagte der Regisseur, der aus der Tiefe kommt. Er ist überzeugt, dass Italien im Duell der beiden dreimaligen FIFA WM-Titelgewinner auch gegen Deutschland gewinnen kann.