Continental-Partner Ricardo
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Ricardos Geschichte ist die eines Torwarts, der das Zeug zum Volkshelden hat, einer schillernden Figur des Fußballs mit ihren tragischen Facetten. Die Geschichte eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen einer Familie aus der Provinz Sétubal stammt, der in Porto bei Boavista seine ersten Sporen verdiente, eines Fußballspieler, der in seiner Jugend für das große Benfica schwärmte, um später beim Sporting Club de Portugal zu landen. Ein Profi, der lange auf seinen Durchbruch in der Nationalmannschaft warten musste, und dem mit 29 Jahren der ganz große Triumph schon mehrfach versagt blieb. Innerhalb von elf Monaten stand Ricardo zweimal im Blickpunkt der Fußball-Welt, beide Male hieß der Schauplatz Lissabon. Im Juli 2004 bestritt er das Endspiel der Europameisterschaft, im Mai 2005 stand er im UEFA-Pokal-Finale. Beide Partien verlor Ricardo mit seinen Mannschaften, doch an seiner Klasse als Torhüter hat dies nichts verändert. |
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"Held ist ein sehr starkes Wort." Dieser Satz stammt aus dem Sommer 2001, und Ricardo Alexandre Martins Soares Pereira sagte ihn, als Boavista Porto den ersten portugiesischen Meistertitel feierte und damit aus dem Schatten des FC Porto trat. Sechs Jahre zuvor hatte er bei Boavista seinen ersten Profivertrag erhalten, 1997 stand Ricardo beim Pokalsieg im Tor, und er galt den Fans im Stadion Bessa als Inbegriff der Blüte. "Ohne die Unterstützung meiner Mannschaftskollegen wäre das alles nicht möglich gewesen", schränkte der Meistertorhüter schon damals ein. |
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Unvergessen und mit dem Namen Ricardos verbunden bleiben wird jene Nacht des 24. Juni 2004, als sich das Viertelfinale der Euro 2004 zwischen Gastgeber Portugal und England in einem Elfmeterschießen zuspitzte. Schon gegen Ende der regulären Spielzeit war Ricardo im Mittelpunkt gestanden, als die Engländer in der vorletzten Minute das vermeintliche Siegtor erzielten. Doch Schiedsrichter Urs Meier urteilte, dass Ricardo im Fünfmeterraum von John Terry unfair angegangen worden war. Eine Entscheidung, die anschließend in England zu einer unappetitlichen Kampagne gegen den Schweizer Unparteiischen ausgeschlachtet wurde. |
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Damit war der Spannungsbogen aber längst nicht am Höhepunkt. Als Darius Vassell zum 13. Schuss im Elfmeterschießen antrat, entledigte sich Ricardo seiner Torwarthandschuhe, warf sie ins Tornetz und sich dem Schuss entgegen. Mit bloßen Händen parierte Ricardo den Ball, schnappte sich die Kugel, nahm Anlauf und traf zum entscheidenden 6:5. Nach der Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Griechenland schon totgesagt und gegen Spanien auferstanden, hatte Portugal das Halbfinale erreicht. Ein ganzes Land spielte verrückt, in der Hauptstadt zogen Hunderttausende über die Avenida Marques Pombal, und auf dem Rossio tanzten die Menschen ausgelassen. Mittendrin stand symbolisch Ricardo. Er habe etwas verändern, sich neu motivieren wollen, antwortete er auf die Frage, warum er die Handschuhe ausgezogen hatte. Später erzählte er die Episode von seinem Trainer in der Kindheit. Aufgewachsen in der Kleinstadt Montijo, gleich gegenüber der Kapitale Lissabon und am Rio Tejo gelegen, war Ricardos Vorbild ein Mann, der Zeit seines Fußballerlebens ohne Handschuhe im Tor gestanden hatte. An ihn erinnerte er sich in jener Juni-Nacht von Lissabon und im finalen Shoot-out im Estadio da Luz gegen die Engländer. |
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Die Sportzeitung "Record" füllte ihren Titel mit der Schlagzeile: "Hände aus Gold". Das Fußball-Zentralorgan "A Bola" würdigte Ricardo: "Er hat sich als Elfmeter-Spezialist im doppelten Sinn bewiesen: Er hält gut und schießt noch besser." Und selbst das gesetzte "Jornal de Noticias" huldigte ihm: "Mutig und unsterblich". Sein Nationaltrainer Felipe Scolari wusste, wem der Sprung ins Halbfinale geschuldet war: "Mein Dank gilt Ricardo. Er hat dem Spiel die Krone aufgesetzt." Man könnte auch sagen: Ricardo hatte zurückgezahlt: Das Vertrauen, das Scolari in ihn gesetzt hatte. Der Brasilianer hatte vor der EM den großen Vítor Baia ausgebootet, vorüber man in Porto, wo der FC mit Baia im Tor gerade die Champions League gewonnen hatte, nicht amüsiert war. Doch trotz anhaltender Polemik hielt Scolari an Ricardo fest. Der hatte in der nationalen Auswahl lange Zeit hinter Baia anstehen müssen, im Jahr 2000 unter António Oliveira gegen Irland zwar debütiert und die FIFA WM 2006TM-Qualifikation über Portugals Tor gehütet. Beim Turnier in Japan/Südkorea hatte er seinen Platz jedoch wieder an Baia verloren. |
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Der Ruhm jener Juni-Nacht 2004 hielt nur wenige Tage. Bis zum Endspiel der Euro 2004 am 4. Juli gegen Griechenland. Jeder portugiesische Fußballfan, wenn er denn nicht zu Sporting hält, wäre auch heute noch bereit, Ricardos Anteil am entscheidenden Gegentor als den eines zu unentschlossen aus seinem Tor herausstürzenden Keepers zu kritisieren. Seine wieder mit Handschuhen gepolsterten Fäuste flogen am Ball vorbei und der auf den Kopf von Angelo Charisteas. Damit war der große Traum Lusitaniens vorbei, und es bleibt die Erinnerung an ein großartiges Turnier und der Schmerz, weil den großartigen Gastgebern die Krönung versagt geblieben ist. |
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Für Ricardo, den Mann mit dem fliehenden Kinn und der leisen Stimme, sollte die Tragödie damit nicht beendet sein. Keine elf Monate später kulminierte die anschließende Saison in einer Mai-Woche, in der Ricardo und Sporting Lissabon alles gewinnen oder verlieren konnten. Gegen den Erzrivalen Benfica wurde erst die Meisterschaft mit einer 0:1-Niederlage verspielt, und es hallte ein "Kikeriki" durch Fußball-Portugal, jener Spott, der Torhütern in diesem Land in ihren dunklen Momenten vorbehalten ist. Ähnlich wie im EM-Endspiel – und an gleicher Stelle im Estadio da Luz – wurde Ricardo die Schuld am Gegentore in die Handschuhe geschoben. Er erlitt damit das Schicksal so vieler Torhüter, denen nichts verziehen wird. Keiner hat das schöner beschrieben als der Schriftsteller Eduardo Galenao in seinem Buch "Der Ball ist rund und Tore lauern überall". – "Die übrigen Spieler können grobe Fehler begehen, doch waschen sie sich durch ein spektakuläres Dribbling, einen meisterhaften Pass, einen gut platzierten Schuss wieder rein. Mit einem einzigen Fehler verliert der Torwart ein Spiel oder gar die ganze Meisterschaft, und dann vergisst das Publikum auf einen Schlag seine tollkühnen Kunststücke von früher und stößt ihn in die ewige Verdammnis." Fünf Tage nach der Niederlage gegen Benfica wartete der nächste Abgrund. Es war eigentlich alles bereitet für den ersten europäischen Titel für Sporting nach dem Gewinn des Pokalsieger-Pokals im Jahr 1964. Am Ende einer rauschenden Uefa-Cup-Saison mit dramatischen Spielen war gegen Alkmaar erst in allerletzter Sekunde der Einzug ins Finale gelungen. Unter Mithilfe Ricardos, der sich bei einem Eckball in jenes Getümmel stürzte, aus dem heraus das entscheidende Tor fiel. Sporting gegen ZSKA Moskau – und das im eigenen Stadion Alvalade von Lissabon. Am Ende stand eine 1:3-Niederlage, eine weitere historische Chance war vertan, und in wenigen Tagen war aus dem stolzen Sporting ein tief unglücklicher Verein geworden. Ähnlich wie beim EM-Finale hatte sich der Heimvorteil und die ungeheuere Erwartungshaltung ins Gegenteil gekehrt. Ricardo fand unmittelbar nach der neuerlichen, bitteren Niederlage vernünftige Worte. "Vielleicht waren die Erwartungen zu groß, um mit freiem Kopf zu spielen", sagte der 29-Jährige, "nach dem Ausgleich der Russen waren wir dem Druck des Gewinnen-Müssens nicht mehr gewachsen." Mit Rückschlägen umzugehen hat Ricardo in seiner Karriere als Profifußballer erfahren. Bis 2008 ist sein Vertrag bei Sporting datiert und er wird seine Rückennummer 76, die sein Geburtsjahr kennzeichnet, weiterhin mit Stolz ins Stadion tragen. Denn er weiß um die Bestimmung des Torhüters: Er hat immer die Schuld. So oder so. Doch aus diesem Stoff erwachsen im Fußball die Helden. |