Bereich wechseln

ContiSoccerWorld

das fussball-portal der continental ag

 Land wechseln
 Land wechseln
Language
Language
Search



UEFA EM-Star 2004: Angelos Charisteas

Große Spieler entscheiden große Spiele, lautet ein Sprichwort im Fußball. Abgewandelt sagt man auch, dass große Spieler die großen Turniere entscheiden – wie Michel Platini die UEFA Europameisterschaft 1984, wie Zinedine Zidane die FIFA Weltmeisterschaft 1998 oder Diego Maradona die FIFA WM 1986. Bei der Endrunde und im Finale der UEFA Europameisterschaft 2004 war dies anders. Ein absoluter Außenseiter stellte Fußball-Europa auf den Kopf, Griechenland zeigte es den Favoriten und siegte sensationell. Diese Mannschaft benötigte einen Baumeister: Es war der deutsche Trainer Otto Rehhagel. Und diese Mannschaft brauchte einen Vollstrecker: Es war Angelos Charisteas, der Mittelstürmer der Hellenen, der zum auffälligsten Spieler der UEFA EURO 2004™ wurde.


Trainer Otto Rehhagel (rechts) vertraute Angelos Charisteas und machte den Stürmer stark. Der Grieche sagte Dank: Mit Toren zum UEFA EM-Titel. (Foto: Firo/Augenklick)

An einem heißen Sommerabend in Lissabon trug Charisteas sich in die griechischen Geschichtsbücher ebenso ein wie in die internationalen Fußball-Chroniken. Sein Kopfballtor in der 57. Minute des UEFA EM-Finales gegen Gastgeber Portugal am 4. Juli 2004 zog einen goldenen Schlussstrich unter eine der größten Sensationen der Sport-Historie. In dieser Nacht wurde aus dem Buben aus dem Städtchen Serres in der Nähe von Thessaloniki ein Held und ein Liebling von elf Millionen Griechen. Die Geschichte hatte alle Zutaten, um sie wie ein Märchen aus 1001 Nacht anmuten zu lassen. Der begabte Stürmer saß zuvor bei seinem Verein Werder Bremen fast ständig auf der Ersatzbank. Die Story bekam von einigen Beobachtern auch den Titel „Harry und Otto“, die von zwei Männern handelt, die sich ergänzen und die sich gegenseitig brauchen, um im Fußball den höchsten Thorn zu erklimmen. Harry, abgeleitet von Charisteas, das ist der Spitznamen des Stürmers, den er in Bremen erhielt. Otto, auch König Otto genannt, ist der Vorname von Rehhagel, dem früheren Meistertrainer aus der deutschen Bundesliga, der vor allem bei Werder Bremen große Erfolge feierte.



Angelos Charisteas köpft das Siegtor zum Triumph Griechenlands im Finale der UEFA EURO 2004™ in Lissabon gegen Portugal. (Foto: GES/Augenklick)


Otto schenkte Harry das Vertrauen, obwohl er in Bremen vor allem Reservist war. „Er wusste, dass ich ihm zu 100 Prozent vertraue“, sagte Rehhagel. „Vom ersten Tag an, als ich 2001 in Griechenland anfing, war Angelos in meinem Kader. Ich habe sofort gesagt, das ist der Junge, an den wir glauben müssen“, schilderte Rehhagel seine drei Jahre währende Kooperation mit dem Angriffsspieler bis zum Turnierbeginn. Danach sagte der Coach: „Er hatte das Vertrauen verdient, denn er eine sensationelle Europameisterschaft gespielt. Er war einer der Topspieler des Turniers.“ In Portugal stand Charisteas während der UEFA EURO 2004™ fast länger auf dem Platz als in der Bundesliga-Saison, in der die Bremer die Deutsche Meisterschaft und den deutschen Pokal gewonnen hatten. Rehhagel als früherer Bremer kritisierte die Werder-Verantwortlichen nicht, obwohl Charisteas nur mit wenig ohne Spielpraxis zur Nationalelf kam. „Meine alten Spieler Thomas Schaaf und Klaus Allofs haben es richtig gemacht. Sie haben den Brasilianer Ailton und Kroaten Ivan Klasnic spielen lassen, weil sie Tore am Fließband geschossen haben“, sagte Rehhagel in Richtung des Trainer-Manager-Duos aus Bremen.


Der Trainerfuchs Rehhagel wusste, dass Charisteas auch deswegen das Maximum von sechs Spielen, 539 Einsatzminuten, neun Schüssen, drei Treffer und dem Pokalgewinn aus dem UEFA EM-Turnier machen konnte, weil er ausgeruhter als viele andere Profis nach Portugal kam. „In der griechischen Nationalmannschaft hat Angelos einfach auch weniger Konkurrenz“, betonte der Hellenen-Coach zudem. Zu „Harry“ sagte er: „Ich setze dich aufs Pferd, reiten musst du aber selber“. Charisteas nutzte die Chance, auch weil die Taktik von Rehhagel auf ihn als einzige Sturmspitze optimal passte.


Ein glücklicher Grieche: Angelos Charisteas, bei Werder Bremen nur Ersatzspieler, mit dem Nationenpokal der Europäischen Fußball-Union. (Foto: sampics/Augenklick)

Seine drei Tore im Turnier schoss er in der Vorrunde beim 1:1 gegen Spanien, zum 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich, den Europameister von 2000, und gegen Portugal zum 1:0-Finaltriumph. Das goldene Tor war eine Dokumentation für das sehr starke Kopfballspiel des 1,91 m großen und 82 kg schweren Griechen. Als der Sensation perfekt war, bedankte sich der „Matchwinner“ bei seinem Förderer. „Otto war wie ein Papa zu mir“, sagte Charisteas: „Herr Rehhagel hat mir Selbstvertrauen gegeben. Er hat mir gezeigt, dass er hinter mir steht. Ich habe mich so fußballerisch weiterentwickelt.“ Dass er den UEFA-Pokal für Nationalmannschaften in die Hand bekam, konnte er kaum fassen: „Das ist unglaublich für den griechischen Fußball. Alle Griechen in der ganzen Welt werden feiern.“

Seine Fähigkeiten hätte er eventuell nie entfalten können. Denn sein Vater wünschte, dass er seinen musischen Neigungen folgen sollte. Deswegen spielt „Harry“ nicht nur gut mit dem Ball, sondern auch der Bouzouki entlockt er gekonnt Töne. Erst als er 13 Jahre alt war, durfte er seinem Heimatverein Strymoniko Serron beitreten. Mit 17 fiel er den „Scouts“ des nahen Großklubs Aris Saloniki auf. Dort schaffte der Jugendliche den Sprung in die Amateurmannschaft und anschließend in das Profiteam, für das er, mit einem halben Jahr Unterbrechung, vier Jahre in der griechischen Topliga stürmte. In der Saison 2000/01 schaffte er den Durchbruch. Der 20-Jährige kam zu 28 Einsätzen und acht Treffern. Im Sommer 2002 sicherte sich Werder Bremen für drei Millionen Euro Ablöse seine Dienste. Rehhagel, der 2001 Nationalcoach in Griechenland geworden war, soll ihn dem SV Werder empfohlen haben. In Bremen begann der stetige Wechsel zwischen Stammelf und Ersatzbank. Seine Bilanz in zweieinhalb Jahren war allerdings gar nicht so schlecht mit 18 Toren in insgesamt 66 Einsätzen, unter den 90-Minuten-Arbeitszeiten selten waren.

Nachdem er bei der UEFA EM-Endrunde 2004 ins Rampenlicht getreten war, setzte sich in Bremen allerdings die alte Leier fort. Der SV Werder hatte den deutschen Nationalstürmer Miroslav Klose verpflichtet, der Europameister blieb zweite Wahl. Elf Einsätze in der Saison-Hinrunde waren wenig, fünf Tore dabei recht viel. Im Winter 2004 durfte er schließlich wechseln, zu Ajax Amsterdam, für das einst auch sein Vorbild Marco van Basten gespielt hatte. Sirtaki wurde im Weserstadion nun nicht mehr nach seinen Toren gespielt, aber Bremen kassierte 4,9 Millionen Euro Ablöse. In Amsterdam setzte sich der Grieche allerdings wieder nicht voll durch. Nach 31 Spielen (12 Tore) in eineinhalb Jahren ging er im August 2007 zu Feyenoord Rotterdam. Mit der griechischen Nationalmannschaft liegt Charisteas im März 2007 auf Kurs zur UEFA EURO 2008™ in Österreich und in der Schweiz. 49 Länderspiele und 15 Tore hat er für Griechenland geschossen, das wichtigste am 4. Juli 2004. Bei der UEFA EURO 2008™ ist „Harry“ 28 Jahre alt, ein gutes Alter für einen Torjäger, um sich wieder ins Rampenlicht zu schieben, vor allem, wenn Otto wieder auf ihn setzt.