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UEFA EM-Star 1996: Oliver Bierhoff

Fußballerisch war er ein Spätstarter, aber nach einem langen Anlauf schaffte Oliver Bierhoff den Sprung zu einer großen Karriere. Der Stürmer spielte sechs Jahre in der deutschen Bundesliga, trug die Trikots von Bayer Uerdingen, Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach, aber der richtige Durchbruch blieb ihm untersagt. Bierhoff, in Karlsruhe geboren und in Essen aufgewachsen, musste erst den Umweg über ausländische Vereine nehmen, um sich nachhaltig ins Blickfeld zu schieben. Er war fast schon 28 Jahre alt, als er im Februar 1996 sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gab.



Oliver Bierhoff (2. von links) als Jungprofi 1989 für Uerdingen gegen Waldhof Mannheim. Die anderen Spieler: W. Funkel, F. Funkel (von links). (Foto: Kunz/Augenklick)


Vier Monate später stand Oliver Bierhoff groß im Rampenlicht auf einer Weltbühne, die Scheinwerfer des öffentlichen Interesses konzentrierten sich auf ihn: Im Wembleystadion in London, beim Finale der UEFA Europameisterschaft 1996, erzielte er zwei Tore, die ihn berühmt werden ließen. Diese Treffer waren es, die Deutschland zum dritten Mal nach 1972 und 1980 zum UEFA Europameister machten. Bierhoffs Kopfballtor, vier Minuten nach seiner Einwechslung in der 73. Minute erzielt, erzwang gegen das zuvor mit 1:0 führende Team aus Tschechien die Verlängerung. Bierhoff zweites Tor besaß sogar historischen Charakter: Der Drehschuss von der Strafraumgrenze zum 2:1-Sieg der Deutschen war das erste Golden Goal, das ein großes Finale im internationalen Fußball entschied. Der Treffer in der 95. Minute beendete die Partie sofort. Nach seinem achten Länderspieleinsatz, in denen er fünf Tore erzielt hatte, begann für den 28-jährigen Bierhoff eine traumhafte Karriere, die in der Nationalmannschaft genau sechs Jahre später abschloss, als Vizeweltmeister am 30. Juni 2002 nach dem 0:2 gegen Brasilien im FIFA WM-Finale in Yokohama.

Auf 70 Länderspiele hatte es der Spätstarter noch gebracht. Die Zahl von 37 Toren war vor allem deswegen beachtlich, weil es längere Phasen gab, in denen Bierhoff kein Stammspieler war. So begann seine Länderspiel-Laufbahn am 21. Februar 1996 in Porto im Testspiel gegen Portugal. Beim 2:1 wurde er zur Halbzeit eingewechselt. So setzte es sich fort bei seinem ersten Turnier, der UEFA Europameisterschaft 1996, als er im ersten Gruppenspiel in Manchester gegen Tschechien nur in der Schlussphase aushelfen durfte. Und so endete seine Zeit im DFB-Trikot, denn bei allen seinen Einsätzen bei der FIFA Weltmeisterschaft 2002 kam Bierhoff als Einwechselspieler auf das Spielfeld. Doch Bierhoff spielte deswegen keineswegs ein Schattendasein eines Reservisten: Seit seinem Debüt in der Nationalmannschaft stand er im Mittelpunkt. Seine Persönlichkeit, sein Charisma, seine Redegewandtheit, sein lässiges wie souveränes Auftreten verliehen ihm eine Sonderrolle. Er war lange Kapitän der Nationalmannschaft, ehe er vor der FIFA WM 2002 das Amt an Oliver Kahn abgeben musste. Und er war für die Werbebranche der Star des Teams. Der smarte „Olli“ verdiente Millionen als Reklamefigur, auch noch nach dem Ende seiner Spielerlaufbahn.



Oliver Bierhoff bejubelt nach dem UEFA EM-Sieg 1996 seinen größten Triumph. Er schoss beide Finaltore zum 2:1 gegen Tschechien. Links Torwart Andreas Köpke. (Foto: Perenyi/Augenklick)


Die hatte begonnen bei der Essener SG und bei Schwarz-Weiß Essen, wo er als Zehn- bis 17-Jähriger spielte. Sein Vater war einst Torwart bei Düren 99 gewesen. Er wurde später Chef eines großen deutschen Industrieunternehmens, Oliver wuchs mit Schwester Nicole (verheiratet mit dem Rennfahrer Bernd Schneider) in einem wohlhabenden Elternhaus auf. In seinen letzten Jugendtagen wechselte Oliver zu Bayer Uerdingen und wurde dort Deutscher Meister der A-Jugend und bekam seinen ersten Profivertrag. 1988 ging er zum Hamburger SV, 1989 nach Gladbach, jeweils nur für ein Jahr. Mit 73 Bundesliga-Einsätzen, zehn Toren und vier Gelben Karten setzte er 1990 einen Schlusspunkt unter seinen Abschnitt bei deutschen Fußball-Vereinen. Mit 25 Jahren schloss er sich Casino Salzburg an. Plötzlich verdiente Bierhoff die Bezeichnung „Torjäger“. In 32 Spielen erzielte er 25 Tore. Italienische Klubs interessierten sich für ihn, er landete für vier Jahre bei Ascoli Calcio, stieg nach einem Jahr in der Serie A (17 Spiele/2 Tore) mit diesem Verein in die zweite Liga ab, wo er in 100 Spielen 46 Tore machte. Udinese Calcio, der Erstligist, war von 1995 bis 1998 seine nächste Karrierestufe. 57 Tore in 86 Spielen lautete die Bilanz, er wurde 1998 Torschützenkönig in Italien mit 27 Treffern (in 32 Spielen) vor Weltmeister Ronaldo.

Das „Golden Goal“ bei der UEAF EM 1996 hatte auch in Italien seinen Stellenwert erhöht. Im Sommer 1998, nach der FIFA Weltmeisterschaft, wo er neben Jürgen Klinsmann Stammspieler war, wechselte er für 25,5 Millionen Mark zum AC Mailand und unterschrieb dort einen Dreijahresvertrag. Die Ablöse war die bis dahin höchste Summe, die für einen deutschen Spieler gezahlt wurde. Mit 30 Jahren war aus dem „Spätentwickler“ ein „Überflieger“ geworden. Im Herbst des Jahres wurde Bierhoff zu Deutschlands bestem Fußballer gewählt. 1999 wurde er mit Milan italienischer Meister. 20 Tore in 34 Spielen steuerte er zum Titel bei. In den nächsten beiden Jahren erhöhte er seine Bilanz für den AC Mailand auf insgesamt 38 Tore in 91 Spielen. Am Ende verlor er seinen Stammplatz. Um seine Stellung in der Nationalmannschaft nicht zu gefährden, wechselte er in der Saison vor der FIFA WM 2002 zum AS Monaco (18 Spiele/5 Tore). Nach der FIFA WM und dem letzten Einsatz im deutschen Trikot kehrte er noch einmal für eine Saison nach Italien zu Chievo Verona (26 Spiele/7 Tore) zurück. Als er als 35-Jähriger seine Schuhe an den Nagel hängte, konnte Bierhoff von sich behaupten, das Optimum aus seinen Fähigkeiten herausgeholt zu haben. Er war kein Spieler, der durch eine begeisternde Spielweise die Blicke auf sich zog. Bierhoff war unspektakulär, aber sehr effektiv und damit sehr erfolgreich.


„Es war nie mein Traum, Fußball-Profi zu werden“, hatte Bierhoff in Interviews häufiger erklärt. Das Geschehen im Fußball-Zirkus betrachtete er distanziert, wobei er es genau durchschaute. Parallel zur sportlichen Laufbahn absolvierte er seit 1988 ein Fernstudium an der Universität Hagen, das er im Frühjahr 2002 als Diplom-Kaufmann abschloss. Nur ein Jahr nach seiner Spieler-Laufbahn wurde er erster Manager der deutschen Nationalmannschaft und besetzte im Deutschen Fußball-Bund einen Posten, den es vorher nicht gegeben hatte. Bierhoff, der oft als der „etwas andere Fußball-Profi“ beschrieben wurde, hatte nicht nur Freunde, trotz seiner freundlichen Art.


Im August 2004 wurde Oliver Bierhoff erster Manager der deutschen Nationalmannschaft. Zunächst half er Jürgen Klinsmann, nun Joachim Löw (links). (Foto: GES/Augenklick)

Speziell aus dem Lager des FC Bayern München gab es schon zu seiner aktiven Spielerzeit viel Sperrfeuer. Lothar Matthäus, Oliver Kahn, Karl-Heinz Rummenigge und zuweilen sogar Franz Beckenbauer nahmen „Olli“ aufs Korn. Als Manager setzt Bierhoff, der mit der früheren Basketballspielerin Klara verheiratet ist und seit Februar 2007 eine Tochter hat, nun Akzente. Dass die deutsche Mannschaft mit Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei der FIFA WM 2006™ einen zuvor nicht erwarteten dritten Platz belegte, wird auch auf das Wirken von Bierhoff zurückgeführt. Von dem fußballerischen Spätstarter wird in den nächsten Jahren noch viel zu hören sein.