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UEFA Europameister 1968: Italien

Die Chronik des italienischen Fußball-Verbandes im aktuellen Geschichtsbuch der Europäischen Fußball-Union (UEFA) ist ein klarer Hinweis auf die Bedeutung und die Macht der Organisation. Der am 15. März 1898 gegründete Verband – die offizielle Bezeichnung lautet Federazione Italiana Giuoco Calcio – gehört seit 1905 dem Internationalen Fußball-Verband (FIFA) und seit 1954 der UEFA an. Er vereint zum Ende des Jahres 2006 genau 16 128 Vereine mit 80 864 Teams, 3 541 Spieler werden in der Kategorie „Profi“ geführt, 870 994 Männer über 18 Jahren spielen organisiert Fußball, 554 394 Mitglieder sind noch Kindes- oder Jugendalter, 70 000 betreiben Hallen-Fußball (Futsal), die Zahl von 6 608 Mädchen im Verband ist indes recht bescheiden. Das sind die nackten Zahlen zu einem Land, von dem die ganze Welt weiß, dass es fußball-verrückt ist. Viele Tifosi sagen, es wäre selbstverständlich, dass der „Grundriss“ Italiens einem (Fußball-)Stiefel ähnelt. Italien ist Fußball.



Alessandro Mazzola war der Spielgestalter der Italiener beim UEFA EM-Triumph 1964. (Foto: Horstmüller)


Bis zum 9. Juli 2006 konnten die Deutschen von sich behaupten, in Europa die erfolgreichste Fußball-Nation zu stellen, denn sie hatten drei FIFA Weltmeister- und drei UEFA Europameister-Titel gewonnen. Mit der höheren Zahl an kontinentalen Meisterschaften lag Deutschland vor Italien. Doch die „Azzurri“ holten an jenem Sonntag in Berlin ihren vierten FIFA WM-Titel. Nur Brasilien ist mit fünf gewonnenen Weltmeisterschaften erfolgreicher als Italien. Die „Squadra Azzurra“ holte ihre Titel über die gesamte Geschichte des FIFA WM-Fußballs hinweg verteilt. Schon 1934 und 1938 siegten die Italiener unter Trainer Vittorio Pozzo, 1978 unter Enzo Bearzot, 2006 unter Marcello Lippi. Dazu kommt der Olympiasieg 1936. Brasiliens Siegesserie begann erst 1958. Und auch Deutschland als dreimaliger Weltmeister startete seine Turniererfolge erst 1954.

Das Land voller Fußball-Leidenschaft wurde natürlich auch mit der Ausrichtung von großen Turnieren beauftragt. Die FIFA WM-Endrunden 1934 und 1990 sowie die Olympischen Spiele 1960 (Rom) fanden ebenso in Italien statt wie die Europameisterschaften von 1968 und 1980. Auffällig ist diese Tatsache: Als die Italiener jeweils zum ersten Mal Gastgeber einer FIFA Welt- bzw. einer UEFA Europameisterschaft waren, bekamen sie am Ende auch den Siegerpokal in die Hände. Dies war bei den Welttitelkämpfen 1934 und beim europäischen Wettbewerb 1968 der Fall.

Allerdings handelte es beide Male um keine voll überzeugenden Siege. Bei der FIFA WM 1934 unter der Obhut des faschistischen Diktators Mussolini halfen nach Ansicht vieler neutraler Beobachter die Schiedsrichter kräftig mit. Bei der UEFA EM 1968 war es das Losglück, das mithalf, die „Himmelblauen“ zum Triumph zu führen. Dennoch versetzte der Erfolg 1968 die Nation in Euphorie. Die Vereinsmannschaften aus Mailand, der AC und Inter, waren zwar schon fußballerische Großmächte, aber die Nationalmannschaft hatte viele Jahre weniger überzeugt. Unvergessen war 1968 die große Pleite, die als nationale Schmach empfunden worden war. Bei der FIFA WM 1966 in England war Italien nach einem 0:1 gegen Nordkorea kläglich gescheitert.

Im Halbfinale des UEFA EM-Turniers 1968 gegen die Sowjetunion fand etwas statt, was heute nicht mehr passieren könnte. Nach 120 Minuten torlosen Minuten in Neapel unter der Leitung des deutschen Schiedsrichters Kurt Tschenscher entschied das Los, welche Mannschaft in das Finale einzog. Der 2006 verstorbene Weltklasse-Verteidiger Giacinto Facchetti von Inter Mailand traf beim Münzwurf einer Zehn-Franc-Münze die goldene Wahl. Facchetti wählte „Kopf“, Tschenscher warf, das Geldstück fiel auf „Kopf“, die „Azzurri“ standen im Endspiel. Oder besser gesagt: in den Endspielen.

Denn auch das Finale in Rom hat im Geschichtsbuch der UEFA und der Europameisterschaften seinen ganz eigenen Stellenwert. Der Sieger, also Italien, benötigte zwei Endspiele, um sich die Trophäe in Nachfolge der Spanier zu sichern. Finale Nummer eins fand am 8. Juni 1968 um 21.15 Uhr im Stadio Olympico von Rom vor 68 817 Zuschauern statt. Jugoslawien hatte im Halbfinale in Florenz Weltmeister England mit 1:0 bezwungen. Und die „Jugos“, die in den Gruppenspielen auch Vizeweltmeister Deutschland eliminiert hatten, waren auch gegen die Italiener dominierend. Weltklasse-Stürmer Dragan Dzajic aus Belgrad brachte mit seinem Führungstreffer (36.) gegen Torwart Dino Zoff die Italiener in Not. Angelo Domenghini konnte in der 80. Minute wenigstens das Unglück einer Niederlage an diesem Tage abwenden. Es blieb beim 1:1 auch nach 120 Minuten unter der Leitung des Schweizer Schiedsrichters Gottfried Dienst.



Alessandro Mazzola spielte für Inter Mailand, das 1964 gegen Real Madrid und 1965 gegen Benfica Lissabon den UEFA Europapokal der Landesmeister gewann. (Foto: Horstmüller)


Das Reglement erforderte ein Wiederholungsspiel. Finale Nummer zwei folgte am 10. Juni 1968 um 20 Uhr an gleicher Stelle und lockte nur noch 32 886 Zuschauer. Trainer Feruccio Valcareggi nahm fünf Positionswechsel in seinem Team vor. Der grauhaarige Coach vertraute diesmal Alessandro Mazzola und Luigi Riva im Angriffszentrum. Nun beherrschte Italien den Gegner vom Balkan. Der lange verletzte Torjäger Riva dankte es gleich schnell mit dem ersten Tor, sein junger Sturmpartner Anastasi machte mit seinem ersten Treffer in seinem zweiten Länderspiel den Erfolg Italiens perfekt. Mit dem 2:0 (2:0) sicherten sich die Gastgeber den UEFA EM-Titel. Nachdem die ersten Auflagen 1960 und 1964 noch „Europapokal der Nationen“ hießen, firmierte dieser Wettbewerb vier Jahre später offiziell unter der Bezeichnung „Europameisterschaft“.

Die Italiener tankten neues Selbstbewusstsein. Zwei Jahre darauf wurde das Team in Mexiko Vizeweltmeister hinter Brasilien. So viel Glück und so viel Erfolg wie 1968 hatten die Italiener später bei einer UEFA Europameisterschaft nicht mehr. 1980 im eigenen Land wurde die Mannschaft Vierter. Im Sommer 2000 erreichte die „Squadra Azzurra“ beim Championat in den Niederlanden und Belgien zwar noch einmal ein UEFA EM-Finale, aber diese Begegnung ging gegen Weltmeister Frankreich durch ein Golden Goal mit 1:2 (1:1, 0:0) verloren. Ausgerechnet der spätere Italien-Legionär David Trzeguet (Monaco) vermasselte nun Trainer Dino Zoff, dem Europameister und Torwart von 1968, mit seinem entscheidenden Treffer in der Verlängerung den Traum vom zweiten UEFA EM-Titel. Erst sechs Jahre später, am 9. Juli 2006, konnte Italien mit dem FIFA WM-Triumph von Berlin und der Revanche gegen Frankreich wieder einen Titel bejubeln.

Mit folgender Mannschaft gelang den Italienern 1968 der Sieg in der Endspiel-Wiederholung gegen Jugoslawien: Zoff – Burgnich, Guarneri, Rosato, Facchetti – De Sisti, Mazzola, Salvadore – Domenghini, Anastasi, Riva.